By the way HD, Nummer 5

Heidelberg, bequem im teuren Sofa liegend, weiß am besten, was wir wollen

Heidelberg „spendiert“ seinen Bürgerinnen und Bürgern ein Kulturfestival namens „Lust4Live“, quasi als Dankeschön und Belohnung für gebührliches Wohlverhalten in den langen Monaten der Pandemie. Brot und Spiele Hilfsbegriff. 500.000 Euro schießt die Kulturstiftung des Bundes zu, allzu teuer kann es also nicht gewesen sein für unsere arme Stadt. Durchaus tolle Leute arbeiten ehrenamtlich mit, um ein zehntägiges Programm auf die Beine zu stellen, das sich sehen lassen kann – und das gemäß Vorgabe der Kulturstiftung nahezu ausschließlich aus Heidelberger Akteurinnen und Akteuren besteht. Soweit alles gut. Man habe in Zusammenarbeit mit Institutionen wie dem Karlstorbahnhof, dem Streetart-Festival Metropolink, dem Poetry-Slam-Veranstalter "Word Up!" oder der Café Bar Friedrich "ganz dezidiert dafür gesorgt, dass Kultur für junge Menschen ein starkes Forum innerhalb des Festivals bekommt", hieß es dazu seitens der Stadt in der Rhein-Neckar-Zeitung. Und genau hierzu folgende Anmerkungen:

Erstens: In Heidelberg entscheiden seit jeher das Stadtoberhaupt und seine engen Getreuen darüber, was Kultur ist und was nicht. Auch, was jungen Leuten gefällt, wissen das Stadtoberhaupt und seine Getreuen besser als die jungen Leute selbst. Und weil die meisten Parteien im Gemeinderat sich mit dieser Situation längst arrangiert und es sich darin bequem gemacht haben wie in einem teuren Sofa, erfahren der OB und seine Getreuen auch fast keine Widerrede. Völlig ungestört dürfen sie weiter darüber bestimmen, was in Heidelberg Kultur ist, was Jugendkultur ist, und was den Jugendlichen zu gefallen hat. Von oben verordnete Kultur – in Heidelberg fast durchgängig am Start, eigentlich seit der Schließung des Autonomen Zentrums 1999 keine wirklich selbstverwalteten Einrichtungen mehr vorgekommen. Und auch das AZ war den Oberen natürlich ein großer Dorn im Auge, Terroristen seien das, hieß es. Natürlich.

Zweitens: In der Ihnen eigenen Borniertheit und Arroganz können und wollen die Heidelberger Stadtoberen naturgemäß nicht erkennen, dass die Jugendlichen, von denen sie immer mal gerne sprechen, dass diese Jugendlichen aktuell gar nicht unbedingt Kultur brauchen sondern Freiheit. I’m free, to do what I want usw. Die wollen sich einfach treffen, reden, feiern, ohne dass Polizei kommt und sie unfreundlich verscheucht. Die wollen keinen Torch und Toni L, die kennen sie nämlich genauso wenig wie die Frühwerke von Haydn und Mozart, die die Symphoniker zur Eröffnung des Lust4Live gegeben haben (nicht, dass dagegen was zu sagen wäre). Die wollen vielleicht auch nicht zum Metropolink oder ins Cafe Friedrich. Die wollen vielleicht einfach mal Spaß haben, ohne dass die Leute von der Stadt ihnen sagen, wie und wo sie diesen Spaß gefälligst zu haben hätten. Aber das geht natürlich nicht in Heidelberg. Hier sperrt man lieber die gesamte Neckarwiese bis August, anstatt diejenigen Proleten gezielt rauszuziehen, die immer nur zum Schlägern und Randalieren kommen. Und ja, das wäre vielleicht anfangs stressig für die Polizei, dem Rädelsführer die große Musikbox wegzunehmen und die Randalierer bei Gegenwehr gar zu verhaften. Aber dazu ist die Polizei nun mal da, öffentliche Ordnung heißt nämlich nicht, einfach alles für alle zu sperren. Das hier ist Heidelberg, nicht Hongkong.

Von alledem will die Stadt natürlich nichts wissen. Die verscheucht über ihren kommunalen Ordnungsdienst lieber den 104-Jährigen mit seinem Klappstuhl vom Bürgersteig. Und sitzt das Problem der Ausstattung ihrer Schulen mit Luftfiltern und vielen weiteren, eigentlich selbstverständlichen Dingen weiter aus (Hallo auch, Ihr großen Fraktionen im Gemeinderat!). Vom CDU-Vorsitzenden Jan Gradel und seinen Machenschaften mit den Chinesen gar nicht erst anzufangen.

Schade, dass wir hier keine Protestbewegung haben wie zum Beispiel die organisierten französischen Bauern. Mit denen würde es unseren Stadtoberen und Gemeinderäten nämlich schnell sehr unbequem auf dem teuren Sofa.

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