By the way - die Sportglosse (Nummer 18, 23. November 2011) in Kooperation mit der Wettzentrale

Von den Gaddafis lassen wir heute mal die Finger, die müssen ja grade selber ihre Finger lassen, zumindest kann man diesen Verdacht haben, wenn man den jetzt gefangenen Lieblingssohn auf Fotos sieht mit dick verbundener Hand. Probleme haben wir selber hier genug, vor allem der Schwabe hat’s nicht leicht derzeit. An keiner Wand kommt er vorbei, an der nicht irgendein Sticker oder Plakat für oder gegen Stuttgart 21 hängt. Auch der heimische Briefkasten enthält täglich Postwürfe und Flyer zu diesem Thema, und fast scheint es, als sei meine Stimme am 27. November noch viel bürgerpflichtig-wichtiger als jede Bundestags- oder OB-Wahl. Man würde ja auch gerne guter Bürger sein, selbstbewusst, pflichtbewusst, meine Stimme zählt. Aber wofür nur? Grundsätzlich hat man doch gar nichts gegen monumentale Großprojekte, neulich noch in den Pyramiden rumgekrochen, Schloss hier, Dom da, Guggenheim und Gaudi auch. Also dafür sein, JA am Sonntag bzw. NEIN, denn bei S21 ist alles ein wenig verfahren, und NEIN bedeutet JA. Dann aber auch mitbekommen, dass alles nur eine Geldverdienmaschine für die Bundesbahn und ein paar Apparatschiks ist, Grundstücke verkaufen, goldene Nase verdienen, aber das niemanden merken lassen und daher gar nix oder was Falsches den Bürgern erzählen, denn die sollen am Ende ja auch einen Großteil bezahlen. Nicht mit mir, bin mündig, also klares NEIN bzw. JA am Sonntag. Wenn jetzt nur nicht die Gegner des Kopfbahnhofs derart nerven würden, Sittler und Konsorten. Klar, die Befürworter nerven auch, aber von denen kriegt man kaum was mit, da joggen nur mal ein paar Profilneurotiker durch die Stadt, weil sie damit in die Presse kommen und hintenrum Publicity für ihre Mickerfirmen machen wollen. Ob der Zug drei Minuten schneller nach Ulm oder Paris kommt, das ist mir vollkommen wurscht, hier geht’s einfach um ein Riesenprojekt, das unterstützt werden muss, damit es nicht aus reflexhafter Kleinhirnigkeit und rein aus Prinzip verhindert wird. Bissle wenig Argument für die Milliardeninvestition, oder? Also dagegen sein, um nicht eine jahrzehntelange Verarsche auch noch zu legitimieren, und um nicht den blöden Drohungen Glauben zu schenken, die schwäbische Weltstadt werde ohne neuen Bahnhof zur Wüstenei? Keine Antwort, keine Lösung, wir wissen’s nicht, glauben aber fest daran, dass die Welt sich weiterdreht – ob mit oder ohne Stuttgart 21.

Noch weiter im Süden, in der Allianz Arena zu München, leuchtete beim Spiel Bayern vs BVB bemerkenswerterweise eine LED-Bande von bwin bundes- und wahrscheinlich weltweit den Zuschauern entgegen. Wenn das mal kein Zeichen ist für alle, die dem Sportwetten frönen. Denn Branchenführer bwin hatte bislang in Sachen Werbung in Deutschland vor allem durch völlige Zurückhaltung geglänzt. Sollten die Emporkömmlinge von tipico und Co doch Banden buchen, wie sie wollten – der erhabene Meta-Anbieter bwin hatte das nicht nötig, der fuchste auf anderen Ebenen, hinter den Kulissen. Wer aber im größten Match der Saison Werbung macht, der pinkelt quasi mit kräftigem Strahl gegen den dicksten Baum – und hat sicherlich auch triftige Gründe für diese Strategiewende. Sehen wir’s positiv, nehmen wir’s als Zeichen dafür, dass der unsägliche Glücksspielstaatsvertrag tatsächlich bald in eine zeitgemäße Fassung geändert wird, auf dass wir wetten und pokern dürfen, wie wir lustig sind, ohne dass Kurt Beck nach dem scharfen Schwert ruft, um uns zu strafen. Und als guter Schwabe wetten wir natürlich auf einen VfB-Sieg in Bremen!

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