By the way 9 - die N24-Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 9, 09. Oktober 2006)

Sönke Wortmann durfte wirklich ganz nah ran mit seiner Kamera. So nah ran durfte er, dass die deutschen Fußball-Nationalspieler und das Betreuerteam den Mann mit dem Camcorder nicht als externen Beobachter sondern als echten Teil des Teams betrachteten. Bei der WM im eigenen Land. Immer war er dabei, in Sardinien bei der Vorbereitung, im Hotelzimmer, in der Kabine, in der Mannschaftssitzung, einfach immer. Was für eine Chance. Im Fußballjargon muss man da wohl von einer hundertprozentigen Chance sprechen. Und Sönke Wortmann hat sie nicht reingemacht. Im Gegenteil, er hat sie so was von versemmelt.

Man hätte es eigentlich ahnen können. Die Indizien sprachen von Anfang an gegen Wortmann. Zunächst einmal die Tatsache, dass der Mann mit dem „Wunder von Bern“ schon einmal einen Film gemacht hat, der eigentlich ein Fußballfilm sein sollte, tatsächlich aber eher eine klischeehafte Sozialromanze wurde. Dann, als „Deutschland. Ein Sommermärchen“ in Previews gezeigt wurde, zuallererst natürlich der Nationalmannschaft, da waren die Urteile auffällig zurückhaltend. Keiner, der Rotz und Wasser geheult hätte vor Glück und Trauer, sondern überwiegend höfliche Komplimente, emotionslos, nüchtern. Im Hintergrund Äußerungen Wortmanns, wie schwierig es gewesen sei, aus hundert Stunden Filmmaterials die besten Sachen rauszufiltern, alles einzudampfen auf die 108 Minuten, die der Film dauert. Man hätte es ahnen können – aber trotzdem ging man rein in den Film und war bereit, alles zu geben. Stimmungsmäßig so ungefähr zwischen dem Autokorso nach dem Argentinien-Spiel und dem 1:0 durch Grosso. Doch es wurde ganz anders.

Die Leute hatten Fahnen dabei, hatten Trikots an, sahen aus wie bei einem Fußballspiel. Es war ein großes modernes Kino, kein Studenten-Lichtspielhaus mit dünner Anlage und ebenso dünnen Wänden. Doch der Saal blieb still. Kaum, dass mal eine Fahne geschwenkt wurde, ein einziges Mal nur höflicher Applaus beim Elfmeterschießen, das wars. Ansonsten wurde der Film betrachtet wie eine Sportreportage am Sonntag Nachmittag mit einem analytischen WM-Rückblick, der viel zu lang war. Früher hieß ein solches Format „Sport unter der Lupe“. Alle emotionalen Highlights hatte man bereits im Trailer gesehen – da kam nichts mehr nach.

Interessant die psychologische Arbeit hin zum Team-Spirit in der Vorbereitung. Wer den Elfer verschießt, der muss abends die Kollegen bedienen. Hildebrandt weiß, wo Borowski hinschießen soll und macht die Ecke zu, Borowski trifft trotzdem. Die Fackeln in der 4:4:2-Formation, Bierhoffs Rede davon, dass man alle belügen kann außer sich selbst – alles nicht brandneu, aber trotzdem sehr sinnvoll, sehr gut gemacht vom Betreuerteam. Interessant auch zu sehen, dass Frings die Worte an die Mannschaft richtet, die man von „Capitano“ Ballack erwartet hätte. Interessant – diese Eigenschaft hat der Film an einigen wenigen Stellen, aber es ist die falsche Eigenschaft. Wortmann hatte die Chance, einen Film für die Ewigkeit zu machen, den ultimativen Fußballfilm. Er hätte dem Projekt WM 2006 ein Denkmal setzen können, den Spielern, Trainern, Betreuern, Zuschauern, Fans – dem ganzen Land. Statt dessen hat er uns gezeigt, dass Fußballer schließlich und endlich einfache Charaktere sind, die hauptsächlich kicken. Dazu hat er, wie sich das für das Klischee vom typisch deutschen Autorenfilm gehört, mit dem Camcorder gedreht und die Bildqualität nicht aufgebessert.

Und so sitzt man dann im Kino und fragt sich bald schon, ob das nun alles war. Man war gekommen um Klinsmann zu sehen, die Moderne des deutschen Fußballs, Spiel nach vorne, die WM 2006. Und man bekam biederes Handwerk, filmhandwerkliche Querpässe – das war Zeitmaschine rückwärts, das war qualitativ eher EM 2004. Herr Wortmann hat das leere Tor nicht getroffen. Sehr schade. Und kein Wunder, dass Klinsmann nicht zur Premiere gekommen ist.

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