By the way 5 - die N24-Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 5, 11. September 2006)

Wahrscheinlich wäre es übertrieben, die ewigen Pfiffe und Schmährufe gegen den nun ehemaligen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder als Erklärung und Beweis für die These heranzuziehen, dass die Leute in Deutschland es gerne langweilig, unscheinbar und durchschnittlich haben. Dass sie um keinen Preis auffallen, auf keinen Fall mal etwas ausprobieren und schon gar nicht jemals etwas Kontroverses von sich geben wollen. Wahrscheinlich finden die Leute „den MV“ einfach doof – vielleicht, weil sie irgendwann mal irgendwas gelesen haben über ihn, vielleicht auch einfach, weil man eben „Vorfelder raus“ ruft im Stadion. Das machen alle so, also machen wir halt auch mit. Gewohnheit, Herdentrieb, diffuse Feindbilder und so weiter.

Dass nun aber auch in der weit verzweigten deutschen Medienlandschaft sich bis heute niemand gefunden hat, der auch nur ansatzweise etwas Positives über MV zu sagen oder zu schreiben hätte, das stimmt schon ein wenig verwunderlich. Nicht einmal die unschönen Pfiffe beim 13 zu Null-Sieg in San Marino wurden kommentiert, nicht einmal ein halber Nebensatz darüber, dass es vielleicht ein Verhalten aus der untersten Schublade ist, den Präsidenten bei seinem allerletzten Spiel im Amt so zu schmähen. Keiner sagt irgendetwas Positives über MV.

Die Leute wollen ganz offensichtlich keinen DFB-Präsidenten, der in internationalen Gremien respektiert wird, der als Typ wahrgenommen wird, der sich einmischt und der als Mensch mit Ecken und Kanten auftritt, wo andere nur als Funktionärsmaschine in Erscheinung treten. Der die Nationalspieler, seine Jungs, am Ohrläppchen zupft zur Anerkennung wie einst Caesar seine glorreiche Zehnte Legion. Der immer braun gebrannt und in feinstes Tuch gekleidet ist, auch wenn die Anderen rumlaufen wie ihre eigenen Schatten. Und dem wir immerhin den Klinsmann und damit auch die ganze Euphorie um die deutsche Mannschaft zu verdanken haben – oder meint irgendjemand behaupten zu müssen, dass alles hätte auch ein Dr. h.c. Braun oder ein Dr. Zwanziger hinbekommen? Und ob der MV mitgeholfen hat, die WM nach Deutschland zu holen, darüber soll an dieser Stelle nicht einmal spekuliert werden.

Lieber wollen die Leute auf MV schimpfen, ihn abfällig als „Multi-Funktionär“ bezeichnen. Umso erstaunlicher, als er doch gar nicht aussieht wie ein Funktionär. Eher könnte man ihn – rein optisch – ja noch als Zuhälter bezeichnen mit dem ganzen Goldschmuck und der bronzefarbenen Haut. Die typischen Funktionäre sind doch gerade diejenigen, die vor und nach ihm das Amt des DFB-Präsidenten bekleiden.

Auch beim VfB Stuttgart, dem Verein, den er 25 Jahre lang auf Gutsherrenart leitete, wurde er regelmäßig im Stadion ausgepfiffen und beschimpft. Jetzt aber, da der Club vollends zur grauen Maus mutiert und wo die so genannte „dt-Connection“ Hundt, Staudt, Heldt es möglicherweise noch schafft, den Karren vollends an die Wand bzw. in die Zweite Liga zu fahren, da erinnert sich so manch Einer wehmütig daran, dass es früher mal einen Präsidenten gab, der Profil hatte. Mit dem wurde man sogar mal Meister. Der konnte Trainer wie Daum nach Stuttgart holen und Spieler wie Dunga. Jetzt haben sie Veh und Farnerud.

Nicht, dass MV zum Heiligen verklärt werden soll. Er hat sich die Bezeichnung „Affären-Profi“ sicherlich mehr als verdient. Aber er hatte Format und er hat es noch. Das sollte an dieser Stelle einfach mal gesagt sein.

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