By the way 46 - die Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 46, 29. Oktober 2007)

Im täglichen Dauerfeuer sportlicher Topereignisse, Höchstleistungen und Personalien ging es fast ein wenig unter, was sich da in der vergangenen Woche in Paris zugetragen hat. Die großen und wichtigen Funktionsträger des Weltradsports waren mal wieder zusammengekommen, um über ihre Zukunft zu beraten. Und als sie hernach auseinandergingen, da hatten sie tatsächlich etwas beschlossen, was in dieser oder ähnlicher Form bereits seit vielen Monaten mal deutlicher und mal weniger deutlich gefordert wurde: Eine Akte über jeden Radprofi, in der sämtliche Dopingkontrollen und Ergebnisse eingetragen sind. Und weil man heutzutage griffige Formulierungen braucht, wenn man etwas erreichen will, erhielt die Doping-Akte schnell den medientauglich martialischen Namen Blutpass.

Eine gute Sache, dieser Blutpass, denn nur mit Hilfe einer derartigen Datensammlung lassen sich Hämatokritwert-Veränderungen nachweisen, Trainingskontrollen vorweisen etc. Der Blutpass ist sozusagen unverzichtbare Basis für einen Neuanfang im Radsport.

Problematisch ist allerdings weiterhin, wer für die Datensammlungen und Eintragungen im Rahmen dieses Blutpasses verantwortlich sein wird. Bisher ist zu hören, die UCI sei da zuständig – vielleicht gemeinsam mit der WADA. Das bedeutet, auch zukünftig wird es möglich sein, Radprofis auf dem Rechtsweg zum Start bei großen Rennen zu bringen. Denn was ist lückenlos, was ist eine noch tolerierbare Schwankung eines Blutwertes, und warum fiel diese oder jene angesetzte Kontrolle aus? Wenn hier die UCI im Zusammenspiel mit den nationalen Verbänden weiterhin am Drücker bleibt, dann ist auch weiterhin viel zu viel Politik im Spiel, viel zu viel Geschacher möglich. In Ermangelung anderer praktikabler Wege zum Blutpass scheint es aber, als müsse man mit der jetzt gefundenen Konstruktion zunächst einmal zufrieden sein.

Die Tour de France als größtes und wichtigstes Rennen – für Profis, TV-Sender und Sponsoren – hat an dieser Stelle eine ganz entscheidende Funktion zu erfüllen: Sie muss ganz alleine und völlig frei von verbandsrechtlichen Fesseln entscheiden dürfen, wer am Rennen teilnehmen darf und wer nicht. Wie bei irgendwelchen Gewinnspielen muss allen Beteiligten eines klar sein, wenn es um den Tour-Start geht: Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Dabei kann sich die Tour natürlich bei der Auswahl der Starter maßgeblich auf die neuen Blutpässe stützen – aber wenn man bei der Tour der Meinung ist, ein Blutpass sei nicht ganz koscher, dann sollte es der UCI nicht möglich sein, auf dem Rechtsweg zu erreichen, dass derselbe Blutpass von der Tour eben doch als koscher angesehen werden muss, ergo der betreffende Fahrer die Starterlaubnis erhalten muss.

Insgesamt lässt sich sagen, dass der Radsport nach wie vor einen langen steinigen Weg vor sich hat – einmal die Hölle des Nordens bei Regen, hin und zurück, quasi – aber jetzt ist man wenigstens mal angerollt und hat so etwas wie ein Streckenprofil vor Augen. Das ist deutlich mehr, als man von einem Treffen der Radsport-Gewaltigen in der Vergangenheit erwarten konnte. Andere Sportarten werden hoffentlich genau hinschauen, wie das mit dem Blutpass in der Praxis so läuft.

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