By the way 44 - die Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 44, 01. Oktober 2007)

Was sich die Stadt Stuttgart dabei gedacht hat, als sie trotz denkbar ungünstiger Vorzeichen nicht auf die Austragung der Rad-WM 2007 verzichtete, darüber lässt sich munter spekulieren. Wollte man mit strikter Anti-Doping-Linie Retter des Radsports werden, wollte man mit guter Vermarktung reich bzw. noch reicher werden, oder wollte man die eigenen Profilneurosen durch zu erwartende Auftritte in den Tagesthemen etc. pflegen? Jetzt, wo die ganze Farce vorbei ist, fällt die Bilanz jedenfalls sehr bescheiden aus: Retter des Radsports sind die schwäbischen Stadtspitzen nicht, reicher sind sie schon gleich dreimal nicht, aber Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann war jede Menge in den Tagesthemen…

Dass der Oberbürgermeister Wolfgang Schuster sich zumeist in irgendwelchen Ecken versteckte und seine Sportbürgermeisterin Eisenmann ins mediale Fegefeuer schickte, das verwundert ebenfalls. Aber vielleicht wird der OB angesichts des durch die WM verursachten Defizits irgendwann wieder aus der Deckung kommen und behaupten, er habe das Ganze ja von Anfang an nicht gewollt.

Für die Zukunft des Radsports war die Veranstaltung ein weiterer Beweis dafür, dass ein gereinigter Neuanfang nur von der Tour de France ausgehen kann – und zwar ohne jeden Einfluss einzelner Radsport- und sonstiger Verbände. Natürlich können die Verbände nach einer personellen Neubesetzung unterstützend mitarbeiten, aber die Betonung liegt auf unterstützend. Die Tour stellt Teilnahmekriterien auf, und nur wer diese Kriterien zweifelsfrei erfüllt darf teilnehmen. Die Tour arbeitet mit Laboren, Agenturen, Funktionären und sonstigen Helfern zusammen, die sie sich selbst aussucht. Die Tour ist stark genug, um jegliche juristischen Winkelzüge von vorn herein abzublocken. Wer also eine Starterlaubnis über den Rechtsweg erhalten will, der soll das ruhig versuchen. Die Tour ist Mythos genug, um sich auch in schweren Zeiten zu finanzieren – auch wenn es dann vielleicht eine Nummer kleiner wird als gewohnt.

Aber dass Weltmeisterschaften, olympische Spiele und andere Tages- oder Etappenrennen zu einem sinnvollen Neuanfang nicht im Stande sind, das hat Stuttgart in jedem Falle gezeigt, auch wenn es dieses neuerlichen Beweises überhaupt nicht bedurft hätte. Wer sich von Verbandsfunktionären auf der Nase herumtanzen lässt, der ist eben nicht stark genug.

Und dass Paolo Bettini in Stuttgart wieder Weltmeister wurde, darüber braucht man sich eigentlich gar nicht so künstlich aufzuregen. Denn obwohl er als einziger die komische Ehrenerklärung des Weltverbandes nicht unterschrieben hat ist er bei weitem nicht der einzige Fahrer unter Dopingverdacht. Und außer ihm wären sicherlich eine ganze Menge Fahrer nicht startberechtigt bei einer richtungweisenden neuen Tour de France.

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