By the way 42 - die Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 42, 03. September 2007)

Manchmal fragt man sich als Fußballfan schon, was in den Köpfen der Spieler vorgeht, die da auf dem Platz stehen. Und fast jeder Stadionbesuch bringt neue Fragen mit sich – so auch der Besuch des Derbys zwischen Aufsteiger Karlsruher SC und Meister VfB Stuttgart.

Da spielte also der amtierende Deutsche Meister, gerade ausgelost in der Champions League gegen den FC Barcelona, von den eingefleischten KSC-Fans inbrünstig gehasst und folgerichtig während des gesamten Spiels lautstark geschmäht, da hatten verschiedene Medien und auch einzelne Spieler des KSC nach Kräften betont, hier finde ein kriegsähnliches Spektakel statt, so dass man sich im Vorfeld fragen musste, ob man Attac-Aktivist auf dem Weg nach Heiligendamm oder Fußballfan auf dem Weg nach Karlsruhe sei, und im Karlsruher Wildparkstadion herrschte zum Anpfiff eine Atmosphäre, die alleine eigentlich jeden Spieler auf dem Platz motivieren und elektrisieren sollte. Nun ist die Stimmung beim KSC im Stadion auch bei anderen, gewöhnlichen Spielen super, aber das den Fans des SC Freiburg bereits vor Jahren abgekupferte Badenerlied war diesmal eben doch noch ein wenig emotionaler als sonst. Kurzum: Es war angerichtet für ein Derby der Emotionen, in dem der Meister dem Aufsteiger eine Lehrstunde erteilen und in einem nur anfangs hitzigen Spiel mit ca. drei zu null gewinnen würde.

Keine Fragen zum Spiel bislang – nur ein angenehmes Sich Wundern über die gemütliche Anreise per Fahrrad ohne Polizeipräsenz und Sperrzonen – sogar ein Bierchen im lauschigen Biergarten direkt neben dem Stadion war möglich.

Keine Fragen auch nach zehn gespielten Minuten – der Meister spielte ein gepflegtes Bällchen, war zwar bis auf eine größere Chance noch nicht allzu zwingend, aber den spielerisch limitierten Karlsruhern war anzumerken, dass die ersten Schwindelgefühle nicht mehr lange ausbleiben würden. Und dann kam es anders.

Je länger der KSC das torlose Unentschieden halten konnte, desto selbstbewusster wurde er. Desto weiter konnte man sich vorschieben in des Meisters Hälfte. Desto öfter konnte man den Pass des Gegner abfangen, den Zweikampf gewinnen. Desto mehr war man im Spiel. Und mit dem frenetischen Publikum im Rücken konnte man gegen lethargische Stuttgarter mehr und mehr Vorteile erarbeiten. Viele grobe Fouls waren gar nicht nötig, Hektik gab es kaum, der KSC kam quasi gänzlich unaufgeregt in die Vorhand, schoss irgendwann sein Tor und brachte das Ergebnis über die Zeit. Derby vorbei, Spiel war unspektakulär, Fans freuen sich, und man geht nach Hause und fragt sich:
Wie kann es sein, dass der Meister nach zehn Minuten in einem solchen Spiel einfach den Gang rausnimmt? Warum tritt man schon im vierten Saisonspiel auf, als wolle man Manfred Kaltz den inoffiziellen Titel des Erfinders der pomadigen Spielweise streitig machen? Warum lässt man einen Gegner fußballerisch am Leben, den man mit einer halbwegs engagierten Leistung klar besiegen würde? Warum tritt man auf, als habe man vierzig Punkte und nicht vier?

Dem KSC sei der Sieg herzlich gegönnt, nach der Klatsche in Leverkusen haben sie alles getan, um wieder auf Kurs zu kommen. Aber wer in der Champions League als Deutscher Meister Barcelona und Lyon fordern will, der muss in Karlsruhe gewinnen. Und wer derart teilnahmslos eine Niederlage am vierten Spieltag über sich ergehen lässt, in einem Derby zudem, der wird in der Champions League noch sein blaues Wunder erleben.

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