By the way 4 - die N24-Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 4, 04. September 2006)

So sieht das also aus jetzt, wenn die deutsche Nationalmannschaft in der „Nach-WM-Ära“ Fußball spielt. Nicht unbedingt spektakulär, nicht eben hochklassig über 90 Minuten, aber bemüht, ebenso zu spielen. Wir alle wissen, dass da nicht lauter Peles auf dem Platz stehen – aber wir sehen, dass alle versuchen, ihren Teil zu einem attraktiven und erfolgreichen Spiel beizutragen. Und genau so soll es sein.

Natürlich ist Joachim Löw nicht mit der nach außen bestens wirkenden Klinsi-Kombination aus Sunnyboy und Schwiegersohn ausgestattet. Auf den ersten Blick mehr der Schwiegersohn, der ehrliche Arbeiter, so ist er bereits während seiner Zeit mit Klinsmann aufgetreten, und so tritt er auch jetzt auf, als Cheftrainer. Dass er aber gleichzeitig auch über die nötige Coolness für einen guten Job als Nationaltrainer verfügt, das wussten zwar Kenner der schwäbischen Fußballszene schon lange - aber über den Stuttgarter Dunstkreis hinaus war das wahrscheinlich noch nicht allen Fußballfreunden im Lande klar. All denen zeigte sich der Jogi jetzt mit cooler Halskette unter dem leger geöffneten Strenesse-Hemd, gab gelassene Statements ab, zog sein Ding trotz zahlreicher verletzter Spieler, trotz Schuhstreits, trotz insgesamt schon erheblichen Drucks locker durch und wurde mit dem Sieg über Irland belohnt. Ok, Irland ist jetzt nicht die Fußball-Supermacht, aber andererseits haben wir gegen die Iren in der Vergangenheit nicht gerade oft gewonnen. Und so, wie die Mannschaft aufgetreten ist, kann man auch beim schlechtesten Willen nicht erkennen, dass der Jogi irgendetwas hätte anders machen sollen.

Was Trainer, Mannschaft und überhaupt alle Fußballfans dem Jürgen Klinsmann auf ewig hoch anrechnen müssen ist die Euphorie, die die deutsche Nationalmannschaft seit der WM auf Schritt und Tritt begleitet. Die Stimmung im Stadion war wieder mal einzigartig, das Public Viewing in Stuttgart der absolute Hit – und auch wenn das Stuttgarter Publikum als Erfinder der La-Ola-Welle bei irgendeiner Leichtathletik-WM bereits auf die Welt-Kulturerbe-Liste der UNESCO aufgenommen wurde, so besteht kein Grund zum Zweifel daran, dass es nicht in jedem anderen Stadion und in jeder anderen Stadt stimmungsmäßig genauso genial abgegangen wäre. Vorbei die Zeit, als man übelgelaunt vor dem Fernseher saß und den pomadig kickenden Nationalspielern durchaus schon mal eine Niederlage wünschte, weil sie es einfach nicht anders verdient hatten. Heutzutage sind tatsächlich alle für die deutsche Mannschaft, alle wünschen den Jungs den Sieg, alle sind wie im Rausch. Da wollen offenbar auch der DFB und die teuer bezahlenden Werbepartner aus der Getränkeindustrie ihr Scherflein beitragen, so dass vor und nach dem Spiel im Fernsehen mittlerweile wieder ungeniert für richtiges Bier geworben wird. Dass im Stadion selbst nur alkoholbefreite Plörre ausgeschenkt wird, dass die Bundesliga im Fernsehen von der Milchproduzenten-Lobby präsentiert wird – nun ja, so ganz ohne Widersprüche geht es halt nicht. Wollen wir dem DFB mal nicht gleich unterstellen, er sei der Meinung, Fußball und Saufen seien untrennbar miteinander verbunden.

Was jetzt noch fehlt ist einzig und allein ein Name für die Jungs, ein Name, wie er schon zu WM-Zeiten von fast allen Radiosendern im Lande gesucht und doch nicht gefunden wurde. An dieser Stelle soll mal leise der Begriff „Die weißen Riesen“ ins Spiel gebracht werden – den haben wir bislang wirklich noch nirgends gehört, und der Hype um die roten Trikots ist schließlich auch schon längst wieder vorbei.

Und unserem neuen Co-Trainer, dem Herrn Flick, sei zukünftig ein wenig mehr Erfolg beschieden bei der Etablierung eines Vornamens nach seinen Wünschen. Denn obschon der Ärmste bei der mittäglichen Pressekonferenz darum gebeten hatte, ihn doch nicht ständig mit „Hansi“ anzureden, wurde dieser fromme Wunsch von den Interviewern geflissentlich ignoriert. Ein guter Gradmesser wird das sein – denn wenn wir Statements von Herrn Flick angekündigt bekommen, dann wissen wir, dass der Hansi nun so richtig angekommen ist in seinem Amt.

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