By the way 38 - die Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 38, 30. Juli 2007)

Die Tour de France 2007 ist vorbei, und nun fragt man sich, wie es wohl weitergeht mit Tour und Profiradsport insgesamt. Und wenn man sich die letzten Wochen vor Augen hält, wenn man dazu auch noch überlegt, wie es die letzten Jahre bei der Tour gewesen ist, mit all den Lügen, Affären, dreisten Fahrern und Funktionären, Jahr für Jahr aber auch mit den Millionen von Menschen an den Straßen und vor den TV-Geräten, dann sollte einem eigentlich eines klar werden: Die Tour ist größer als alle Affären.

Mit dieser Erkenntnis ist der Weg zu besseren Zeiten vorgezeichnet: Ein Cut muss her, ein richtiger Neuanfang im Bewusstsein der eigenen Stärke. Sollen sie beim Giro oder bei der Vuelta, bei der Weltmeisterschaft oder bei den Olympischen Spielen doch dopen und lavieren, wie es ihnen gefällt – die Tour de France macht ab sofort ihr eigenes Ding. Sie löst sich vom Radsport-Weltverband, sie stellt ihre eigenen Teilnahmekriterien aus, sie lädt nur diejenigen Fahrer und Teams ein, die diese Kriterien vor Tourbeginn eindeutig erfüllen können. Hauptbestandteil dieser Kriterien ist natürlich der lückenlose Nachweis der Fahrer über die Dopingtests – durchgeführt ausschließlich von der WADA oder einer von der Tour gegründeten eigenen Kontrollbehörde. Keine juristischen Scharmützel mehr mit nationalen Verbänden oder der UCI, die Tour soll ruhig mit allen sprechen, aber die Tour soll keinen Millimeter abweichen von ihren eigenen Kriterien. Wer die nicht erfüllen will oder kann, der darf nicht mitfahren.

Dann wird man sehen, wohin sich Sponsoren und TV-Sender orientieren. Ziehen sie es vor, die Straßenrad-WM zu übertragen oder die Rennen in Peking oder die Vuelta (die ja auch bisher nicht eben flächendeckend übertragen wurde), oder werden sie lieber die Tour de France zeigen? Und man wird dann auch schnell sehen, dass weite Teile des Profiradsports über kurz oder lang „zur Tour zurückkommen“ werden. Sie werden sich den gleichen Kriterien unterwerfen, und sie werden von jedem Fahrer die gleichen lückenlosen Kontrollen verlangen.

Damit werden sie übrigens auch Vorbilder sein für all die anderen Sportarten, die jetzt massive Dopingprobleme haben. Leichtathletik, Schwimmen, Ski Nordisch und Alpin und etliche weitere werden sich schon sehr bald überlegen müssen, wie sie mit dem nun prominent gewordenen und doch altbekannten Dopingproblem umgehen wollen. Die Lösung geht auf Kosten der Aktiven und kann leider nur lauten: Keine Unschuldsvermutung mehr sondern Zwang zum Unschuldsbeweis. Das ist keine besonders schöne Situation für die Sportler – andererseits muss man sehen, dass ebendiese Sportler ihr Leben mit dem Sport finanzieren, viele von ihnen durchaus stattlich daran verdienend. Somit scheint es in diesem Fall zumutbar zu verlangen, dass für Sportler nicht dieselben rechtstaatlichen Prinzipien gelten wie für irgendwelche Kleinkriminellen.

Und natürlich sollte niemand glauben, es gebe dann kein Doping mehr. Es wird immer Leute geben, die etwas versuchen, es wird immer Medikamente geben, die kein Test entdecken kann, und es wird auch weiterhin irgendwelche kleinen Rennen ohne Kontrollen geben, bei denen sich zweitklassige Fahrer ein paar Euro verdienen können – aber diese Rennen werden immer weniger werden, es wird immer weniger Geld damit zu verdienen sein, und es wird vor allem keine Fahrer mehr geben, die trotz galoppierenden Dopingverdachts die Tour de France gewinnen oder überhaupt daran teilnehmen. Die Tour de France aber als Leitrennen im Radsport wird weiter bestehen und den anderen Playern zeigen, was zu tun ist. Der Mythos Tour de France kann das schaffen.

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