By the way 37 - die Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 37, 16. Juli 2007)

Die armen Radprofis. Strampeln sich einen ab bei der Tour de France, und müssen sich ständig von Journalisten die unverschämtesten Fragen darüber gefallen lassen, wie, wann und wo sie gedopt haben. Das wäre Lance Armstrong sicher nicht passiert. Wer dem nämlich eine Frage stellte, die ihm nicht gefiel, der wurde sofort rausgeführt und/oder verklagt. Dann war wieder Ruhe.

Ob nun unser neuer Held Linus Gerdemann gedopt hat, gerade dopt oder zukünftig dopen wird, darüber kann man natürlich bestens spekulieren, ohne dass man Gefahr liefe, des Raumes verwiesen oder verklagt zu werden. Denn ein Telekom-Profi von heute muss nicht nur leidlich radeln können – er muss vor allem auch bescheiden und schuldbewusst auftreten in Sachen Doping.

Also los: Seit fünf Jahren fährt der Linus erst richtige Rennen, sagt man uns in der ARD, da muss man ja geradezu chemisch nachhelfen, um in so kurzer Zeit ganz vorne mitzufahren. Dann hat er ja offenbar auch mal kurze Zeit mit einem der Hardcore-Doping-Ärzte zusammengearbeitet. Und außerdem dopen ja ohnehin alle, die da mitfahren. Andererseits war er ganz schön außer Atem nach seinem tollen Etappensieg, und den Berg raufgefahren ist er zwar schnell, aber lange nicht so rasant wie Armstrong, Landies und Co zu ihren Zeiten. An Pantani gar nicht zu denken. Fazit: Wir wissen’s nicht, Linus ist sympathisch, und die Etappe hat uns Spaß gemacht. Vielleicht sollte er etwas mehr essen, denn ein Hang zum Hannawald ist bei ihm durchaus erkennbar.

Apropos Spaß: Wenn man sich damit arrangiert hat, dass nicht mehr Emig/Watterott die Tour in der ARD machen, dann ist eigentlich alles so wie immer. Die beiden Floriane Naß und Kurz können fast genauso gut über Käse, Klöster und Hugenotten reden wie die geschassten Kollegen vormals. Ein bisschen viel Doping wird halt thematisiert, aber das machen sie sicher nur, weil Ihnen die Programmdirektorin Gaby Bohr das so befohlen hat. Überhaupt – wenn man daran denkt, dass die Biathleten, Langläufer etc. gerade in aller Stille ihre Leistungswerte optimieren, die Leichtathleten diese im Wettkampf offen zur Schau stellen, ohne dass ein Hahn danach kräht, dann muss man es gleich noch mal sagen: die armen Radfahrer. Oder mal rübergeschaut zu den Schwimmern; Wer einmal einen echten Topschwimmer direkt vor sich hat stehen sehen, der hat einen Eindruck davon, wie der Übergang vom Menschen zur Maschine von Statten geht. Da soll keiner kommen und sagen, das sei alles natürlich und nur durch hartes Training so groß und aufgeblasen geworden, bei gleichzeitig immer eckiger werdenden Gesichtszügen.

Wie man das Thema auch dreht und wendet, wie verlockend es klingt Sportlern zuzuschauen, die alle nur durch ehrliches Training Leistung bringen – es muss eine Illusion bleiben. Darum sollte man am Beispiel des Radsports doch mal folgendes Szenario durchdenken: Doping wird freigegeben, die Leistungen explodieren. ARD und ZDF sowie die meisten aktuellen Sponsoren ziehen sich zurück. Ein kurzes Tief von zwei bis drei Jahren wird durchlaufen. Doch es kommen neue Sponsoren, die Leute wollen immer noch die Tour sehen, weil die Tour eben etwas Besonderes ist, irrwitzige Geschwindigkeiten werden gefahren, und ab und zu explodiert neben den Leistungen eben auch ein Fahrer. Wäre das so schlimm? Wäre das denn so anders als bisher? Wäre nicht der einzige Unterschied derjenige, dass erlaubt wäre, was ohnehin alle machen? Und dass die Tour dann bei RTL kommt anstatt bei ARD und ZDF? Das wäre wahrscheinlich noch der größte und schmerzhafteste Unterschied.

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