By the way 346 - Seltsam riecht der Wind of Change beim VfB

Der VfB Stuttgart kickt zwar nur zweite Liga, demonstriert mit ansehnlichen Aktionen und erkennbarem Einsatzwillen aber, dass da ein Team ist, das Bock auf Fußball hat. Abseits des rein Sportlichen sieht es in Sachen Profifußball beim VfB allerdings etwas anders aus.

Die Folgen der je nach Sichtweise skandalösen, sterbenspeinlichen oder legendären Mitgliederversammlung vom 14. Juli aufzuarbeiten, scheint für etliche Beteiligte ein schwieriges Unterfangen. Denn trotz vollmundiger Ankündigungen, man habe verstanden, man wolle die Mitglieder wieder mehr miteinbeziehen, Transparenz hier und Transparenz da – schon die derzeit laufende Kandidatenkür für die Position des Vereinspräsidenten und eines weiteren Präsidiumsmitglieds verläuft in etwa so transparent wie ein päpstliches Konklave.

Ein Gremium namens Vereinsbeirat ist angeblich alleinverantwortlich zuständig für die Auswahl zweier geeigneter Kandidaten auf die VfB-Präsidentschaft. Gewillte Frauen und Männer konnten sich bis zum 15. September bei diesem Gremium als Präsidentin oder Präsident bewerben. Und aus allen eingegangenen Bewerbungen, so sie die formalen Voraussetzungen erfüllen, kann der Vereinsbeirat maximal zwei Personen als Kandidaten nominieren, von denen einer oder eine dann auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 15. Dezember von den anwesenden Mitgliedern zum Präsidenten oder zur Präsidentin gewählt wird.

Die aktuell acht Mitglieder des Vereinsbeirates werden in den kommenden Wochen alle BewerberInnen zur persönlichen Vorstellung einladen, um sich ein angemessenes Bild zu machen.

Selbstverständlich agieren die Damen und Herren Vereinsbeiräte dabei völlig unabhängig. Kein Aufsichtsrat Porth oder Jenner, kein Interimspräsident Gaiser und kein Freundeskreis-Mitglied nimmt auch nur ansatzweise Einfluss auf die acht Vereinsbeiräte. Denen ist es selbstverständlich auch total egal, welcher Bewerber Weltmeister und Ehrenspielführer ist und welcher Bürgermeister, Buchhändler oder Unternehmer. Die wollen nur das Allerbeste für den VfB Stuttgart, und deshalb lassen sie sich von niemandem zu irgendetwas drängen. Wobei „das Allerbeste für den VfB Stuttgart“ ja ein gar zu weites Feld ist. Denn für den einen mag das Allerbeste ein kompletter Neuanfang inklusive sorgfältigem Durchkehren auch in den hintersten Ecken sein – für den anderen aber das genaue Gegenteil, nämlich explizit das möglichst unbeschadete Weiterbestehen der vorhandenen Seilschaften und Klüngel. Wer wollte es da einem solchen Vereinsbeirat verübeln, seine Entscheidung ausführlich mit den hohen Herren aus dem Aufsichtsrat zu erörtern. Schließlich garantieren die Posten dort regelmäßig ausgiebige Fütterungen fütterungsbedürftiger Egos. Die Positionen im Vorstand sind darüber hinaus auch sehr ordentlich vergütet, und selbst im ehrenamtlich agierenden Vereinsbeirat ist man ja immer gut vernetzt und ganz nah dran am Geschehen und obendrein immer umsonst in der Loge.

Man darf also getrost unterstellen, dass zwar durchaus einige, aber sicher nicht alle acht Vereinsbeiräte hinsichtlich ihres zukünftigen Präsidenten und dessen Agenda von den gleichen Interessen geleitet werden. Und überhaupt: Was passiert denn, wenn vier Räte für den einen Kandidaten sind und die anderen vier für den anderen? Entscheidet dann das Los, oder senkt Aufsichtsrat Wilfried Porth bei einem den Daumen? Nicht vergessen sollte man an dieser Stelle, dass der Vereinsbeirat gar nicht zwingend zwei der angeblich zehn Bewerber nominieren muss. Er kann durchaus auch nur einen Bewerber nominieren und zusätzlich einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken. Festgeschrieben ist lediglich, dass die Mitglieder zwischen zwei Kandidaten werden wählen können.

Das veröffentlichte Stellenprofil des zu wählenden Präsidenten verströmt ebenfalls nicht gerade den frischesten Wind of Change beim VfB. So soll der ehren- oder nebenamtliche neue Vereinsobere nicht automatisch dem Aufsichtsrat der AG vorsitzen, sondern lediglich dort Mitglied sein, sich grundsätzlich aus dem operativen Geschäft raushalten und dieses einem vom Aufsichtsrat noch zu bestimmenden Vorstandsvorsitzenden überlassen. Muss man nicht per se schlecht finden, aber ein wenig Misstrauen ist auch hier angebracht. Denn wie gesagt: Der Präsident wird von den Mitgliedern eben des Vereins gewählt, der aktuell ca. 88 Prozent aller Anteile an der VfB Stuttgart AG hält, deren Aufsichtsrat quasi komplett vom Verein abgekoppelt seine Entscheidungen trifft. Entscheidungen, die in der jüngeren Vergangenheit überwiegend suboptimal waren – immerhin vier Abstiege (erste und zweite Mannschaft) in den letzten drei Jahren weist die Erfolgsbilanz des obersten Kontrollgremiums aus.

Da wäre es doch zumindest mir als Vereinsmitglied deutlich wohler, einen durch die Mitglieder gewählten integren Präsidenten an der Spitze des obersten Kontrollgremiums zu wissen, anstatt irgendeine Person, die seit Jahren den Niedergang des Vereins mit verantwortet und darüber hinaus vor allem eigene und Firmeninteressen im Kopf hat. Da hätte ich doch lieber einen Präsidenten, der sich auch mal qua Amt ein paar vom Aufsichtsrat durchgewunkene alte Verträge anschauen kann – zum Beispiel diejenigen zur Verpflichtung und zum Abgang des jungen türkischen Defensivtalents Ozan Kabak. Den hatte der unselige Michael Reschke seinerzeit für viel Geld eingekauft, obwohl der VfB eigentlich vielmehr ein Sturmproblem als ein Abwehrproblem hatte. Und den hat derselbe Michael Reschke später zu seinem neuen Arbeitgeber Schalke 04 geholt, obwohl auch dort Trainer David Wagner zwar dringend um neue Offensivkräfte gebeten, keineswegs aber neue Verteidiger gefordert hatte. Da würde ich doch gerne mal die Sideletters, Nebenabreden und sonstigen Unterlagen sehen, die im Zweifel viele Taschen eher voller als leerer gemacht haben – auf Kosten der jeweiligen Clubs.

Am 15. Dezember dürfen die Mitglieder des VfB Stuttgart ihren neuen Präsidenten wählen. Auch ein neues Mitglied des Vereinsbeirats sowie ein weiteres Präsidiumsmitglied dürfen sie wählen. Dass man sich auf letzteres Amt ebenfalls bewerben konnte, mit dieser Information ging der Vereinsbeirat eher defensiv um, sprich: Das wusste eigentlich niemand. Umso überraschender dann die Mitteilung, „für das Amt eines weiteren Präsidiumsmitglieds gingen hingegen keine weiteren Bewerbungen ein, so dass die beiden bekannten Bewerber Rainer Mutschler und Werner Gass am 15. Dezember zur Wahl stehen werden.“ Es braucht wenig Phantasie, sich einzubilden, beim VfB wollten sie gar keinen weiteren Bewerber um die Mitgliedschaft im Präsidium. Auch wenn man sicherlich in irgendeinen kleinstgedruckten Nebensatz irgendeiner Mitteilung hineininterpretieren könnte, damit sei ausreichend informiert worden – die Kommunikation rund um das weitere Präsidiumsmitglied war und ist näher am Formfehler als an der Transparenz, jeder noch so kleine Klepperlesverein macht das besser.

Im Sinne des Vereinswohls zu hoffen ist, dass wenigstens ein vernünftiger Kandidat als Präsident zur Wahl stehen wird. Und dass man sich am Ende nicht mit einem Weltmeister und Ehrenspielführer arrangieren muss, der sich zwar aus irgendwelchen Gründen zur Verantwortung berufen fühlt, aber von den Kollegen Aufsichtsräten am Nasenring von Sitzung zu Sitzung gezogen wird. Der sich den schmerzenden Nasenring als Präsident im Nebenamt mit monatlichen 20 000 Euro lindern lässt. Der so leicht zu lenken ist, dass sich selbst seine früheren Kritiker in den Gremien schon die Hände reiben vor Freude darüber, dass die bestehenden Seilschaften wie gewohnt weiterbestehen können. Denn wer selbst einen Wolfgang Dietrich heil übersteht, dem wird vor Guido Buchwald sicherlich nicht bange sein.

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