By the way 34 - die Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 34, 21. Mai 2007)

Wie hart und unbarmherzig ist der Profi-Fußball in Deutschland? Und kann man wirklich mit zusätzlichem Selbstvertrauen Defizite wettmachen? Zur Klärung dieser Fragen wird hoffentlich das Finale um den DFB-Pokal am kommenden Wochenende beitragen. Dann nämlich trifft der neue Deutsche Meister VfB Stuttgart auf den 1. FC Nürnberg – und wer die glückseligen Schwaben bei der Feier ihres Titels gemeinsam mit gefühlten 2,5 Milliarden Menschen auf den Straßen erleben konnte, der muss einfach davon ausgehen, dass die Stuttgarter bis nächsten Samstag nonstop durchsaufen. Mit Ausnahme der beiden Mexikaner Pardo und Osorio vielleicht, die sind nämlich so pflichtbewusst. Der 1. FC Nürnberg hingegen hat eine für seine Verhältnisse sehr gute Saison gespielt, ist bereits qualifiziert für den UEFA-Pokal und wird sich sicherlich die ganze Woche optimal auf das Endspiel vorbereiten. Und dann wird man sehen, ob der VfB auch grüngesichtig und mit wackeligen Knien durch den Titel so viel Rückenwind hat, diese 90 bis 120 Minuten erfolgreich zu absolvieren. Ob der Fußball 2007 eine riesige Sause verzeiht, oder ob jede noch so verdiente Feier knallhart bestraft wird. Aber auch, wenn sie im Finale nichts mehr drauf haben – der VfB Stuttgart ist ein tolles Team. Gute Konzepte und Strategien, junge oder zumindest nicht satte Spieler ohne große Allüren, Kontinuität auch in schweren Zeiten, diese Mischung macht den Erfolg. Und sie macht den Erfolg sympathisch, das ist das eigentlich Schöne.

Nach dem Titel ist vor dem Titel – da ist der Fußball ganz ohne Zweifel erbarmungslos. Uli Hoeness hat schon die totale Chancenlosigkeit der Konkurrenz angesichts eines Super-FC Bayern in der neuen Saison angekündigt, und auch in Schalke, Bremen, selbst beim HSV und wahrscheinlich sogar bei Hertha und dem BVB wetzen sie bereits die Messer für die kommende Runde. Und es ist natürlich keineswegs gesagt, dass der VfB eine tolle Champions-League spielt und wieder um die Meisterschaft kämpft. Bedenken sollten alle anderen Teams aber Eines: Nur der FC Chelsea mit einem Trainer Mourinho kann Titel erzwingen. Alle anderen brauchen zumindest in großen Teilen das, was auch den frisch gebackenen Deutschen Meister ausmacht. Und davon war eben in der gerade zu Ende gegangenen Spielzeit nicht viel zu sehen. Da waren die Spieler satt, die Konzepte wirr und die Strategien auf maximal vier Wochen ausgelegt. Da gab es Querelen innerhalb der Mannschaft, ständige Schuldzuweisungen und trotzige Straußentaktik. Und da gibt es jetzt eben ziemlich große Zweifel, wie und ob es besser werden kann.

Auch beim VfB werden Begehrlichkeiten entstehen, unbedingt notwendige Neuverpflichtungen werden das Mannschaftsgefüge gehörig durcheinander wirbeln, der Boulevard wird bereits beim geringsten Malheur in der Champions League die Fähigkeiten der Mannschaft wieder anzweifeln. Dann haben Trainer, Manager und Präsidium die Gelegenheit zu zeigen, was sie tatsächlich drauf haben. Der „dt-Connection“ mit Präsident „Balanced-Erwin“ Staudt, dem dankenswerter Weise zuletzt zurückhaltenden Aufsichtsrat und Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt sowie dem Manager Horst Heldt kommt gemeinsam mit Trainer Armin Veh die Aufgabe zu, den VfB auf Kurs zu halten. Was schon mehrmals in der Vergangenheit möglich war und immer versemmelt wurde, das ist jetzt wieder möglich: Den Verein auf ihre ganz eigene Weise unter den Großen der Branche zu etablieren. Eine spannende Aufgabe, zu der man ihnen gerne viel Erfolg wünscht.

Zurück