By the way 313 – „Auf einen hören, und sonst auf keinen. Außer auf sich selbst.“ Erklärungsversuche zum Stuttgarter Schweinezyklus...

Einen Fußballverein bzw eine Fußball-AG zu führen, ist nicht leicht. Oft entscheiden Kleinigkeiten über Erfolg oder Misserfolg. Was aber, Glücksfaktor hin oder her, außer Zweifel steht, ist folgendes: Auf Dauer erfolgreich kann eine Vereinsführung nur sein, wenn sie einen Plan hat. Und wenn sie diesen Plan durchzieht – auch wenn die Zeiten mal schwierig sein sollten. Womit wir beim komplexen Thema „Vereins- bzw. AG-Führung des VfB Stuttgart“ sind.

Der VfB hat einen Präsidenten, den man beileibe nicht mögen muss, kaum mögen kann – aber Wolfgang Dietrich ist doch zweifelsfrei ein Mann, der sein wie auch immer geartetes Ding durchzieht. Genau deshalb wurde er „vom Daimler“ (so sagt man in und um Stuttgart) als der Mann auserkoren, der endlich die Ausgliederung durchziehen sollte (ein anderes Thema, zu dem man geteilter Meinung sein kann – aber doch zumindest keines, dass den Erfolg per se unmöglich gemacht hätte. Es macht allerdings unmöglich, dass jemals ein anderer Autobauer beim VfB einsteigt – ganz egal, ob der Daimler sich weiter engagiert oder einfach alles beim Alten lässt. Aber dazu ein andermal...).

Dietrichs Vorgänger waren Bernd Wahler, ein sehr sympathischer Mann ohne jede Durchschlagskraft, und Gerd Mäuser, ein sehr unsympathischer Mann, ebenfalls ohne jede Durchschlagskraft, der sofort, immer und überall alle gegen sich aufbrachte.

Und jetzt haben wir zumindest einen, der sein Ding durchzieht und auf den die Leute im Verein/der AG hören. Der keine Skrupel hat, einen Would be-Volkstribun wie Jan Schindelmeiser zu entlassen, wenn er der Meinung ist, der Mann sei ungeeignet. Der darüber hinaus auch jetzt nicht nachtritt, wenn er nach den Gründen dieser Entlassung gefragt wird. Und der Jan Schindelmeiser wenigstens erst entließ, nachdem er Gewissheit darüber hatte, als Nachfolger Michael Reschke zu bekommen. Ob der ihm nun von Kumpel Dieter Hoeneß aufgeschwätzt wurde oder nicht – diese Entscheidung war immer noch besser, als Thomas Tuchel als Trainer/Manager abzusagen, um dann Robin Dutt und Alexander Zorniger zu holen. Kurzer Einschub hier: Die Tuchel-Affäre bis heute eine der haarsträubendsten Fehlentscheidungen der Vereinsgeschichte und Grund dafür, dass ich mich seit 2015 hier fast ausschließlich mit dem VfB beschäftige.

Und jetzt hat der VfB Stuttgart einen Sportvorstand Michael Reschke, vom Präsidenten geholt, unzweifelhafter Branchenkenner, Netzwerk, Erfahrung, alles da. Bis in den englischen Guardian hinein finden sich Interviews, in denen sie ihn behandeln wie einen kleinen Gott. Also per se mal kein ganz schlechter Move, einen solchen Mann zu holen. Gleichzeitig aber ein wichtiges Glied in der Fehlerkette. Denn Michael Reschke hat zweifelsfrei bewiesen, dass er ein guter Kaderplaner ist. Einer, der in gehobener Position Tipps gibt, konzeptionell arbeitet, zuarbeitet. Dass er im Sportlichen das alleinige Sagen hat, den Club auch nach außen repräsentiert, fast im Alleingang die Vertragsverhandlungen mit Spielern und Trainern führt, das ist ein Fehler. Ganz abgesehen davon, ob er sympathisch auftritt oder wie ein kleiner Möchtegern-Pate – mit Michael Reschke als quasi alleinverantwortlichem Sportvorstand macht der VfB, macht Wolfgang Dietrich genau denselben Fehler, den sein Vorgänger Bernd Wahler mit Robin Dutt machte: Auf einen hören, und sonst auf keinen. Außer auf sich selbst. Denn nur in einer solchen Konstellation sind meines Erachtens Entscheidungen wie der Rentenvertrag für Holger Badstuber oder die allzu langfristige Verlängerung mit Tayfun Korkut nebst Team möglich. Teure Entscheidungen, die den VfB in schlimmer Regelmäßigkeit viel Geld kosten und in noch schlimmerer Regelmäßigkeit das zarte Pflänzchen Erfolg mit schwerem Schuh zurück in die Erde treten. Stuttgarter Schweinezyklus Hilfsbegriff.

Trainer Tayfun Korkut wurde seinerzeit zurecht verpflichtet – um nach dem allzu netten Hannes Wolf die Mannschaft wieder in die Spur zu führen und den sofortigen Wiederabstieg zu verhindern. Zweifel hatte ich da nur an der Tauglichkeit der Co-Trainer, und im Nachhinein bin ich der Meinung, mit Mannschaftsflüsterer Xaver Zembrod im Trainerteam wäre die Truppe auch in der laufenden Saison besser auf dem Platz gestanden. Wie es allerdings zu der frühzeitigen langfristigen Vertragsverlängerung kommen konnte, weiß ich nicht. Von falscher Einschätzung über Missverständnis bis finanziell lukrativem Freundschaftsdienst alles drin. Keine Ahnung, ob Tayfun Korkut von Anfang an klargestellt hat, dass er auch weiterhin auf die Alten setzt und hinten dicht macht. Keine Ahnung, wieso Granaten wie Donis und Thommy so wenig spielen, junge Potentialspieler wie Sosa oder Maffeo schlechter sein sollen als Beck und Insua. Oder Orel Mangala, den man ausleiht und statt dessen den teuren Gonzalo Castro holt. Wollte das der Trainer? Der Sportvorstand? Beide? Aber: Wenn die Sportkompetenz in einer Vereinsführung an der Spitze breiter ist, dann können die Argumente pro oder contra sicherlich noch deutlich sorgfältiger abgewogen werden, bevor man eine Entscheidung fällt. Gleiches gilt für den Fall Badstuber. Der will lieber weg, findet aber keinen Verein und bekommt dann einen hochdotierten Dreijahresvertrag. Und macht jetzt auf Miesepeter im Team. Geht’s noch?!

Jetzt weiß ich natürlich nicht, welchen Trainer sie optimalerweise hätten holen sollen. Hasenhüttl wohl, aber der hält sicher die Leitung nach München frei. Hinkel ohne Lizenz? Der weiß immerhin, wie man in die Champions League kommt. Weinzierl dagegen irgendwie die fantasieloseste Lösung. Einer, mit dem man sich vor einem Jahr schon einmal nicht einig wurde. Berater Schwab berät ja bereits, blitzsauberes Detail, unseren Kapitän Gentner, geht ohnehin aus und ein, was soll man da noch lang suchen? Kriegt er halt, was er fordert, Kaderplaner Reschke verhandelt das alleinverantwortlich durch, kontrolliert von Wolfgang Dietrich, ebenfalls jahrzehntelang erfahren in den Verhandlungen mit Spielern und Trainern. Nicht!

Ich mag an dieser Stelle nicht weiterdenken, denn dann fällt mir sofort wieder Tuchel ein, dem abgesagt wurde. Und Tedesco, der schon da war, aber vergrämt wurde. Ist ja nun auch nicht mein teuer bezahlter Job, dem VfB einen Trainer zu finden. Aber mir wäre deutlich wohler, wenn ich wüsste, dass da nicht nur Reschke und Dietrich die gewaltigen Kompetenzen bündeln, sondern weitere ausgewiesene Experten mit am Tisch sitzen. Leute, die sich auskennen, und zwar nicht nur im Scouten oder in der Führung von Firmen, sondern auch in den Verhandlungen mit Profispielern, Beratern und Trainern. Die riesige Netzwerke haben. Die alle schon mal da waren und nicht Karl Heinz Förster, Hansi Müller oder Guido Buchwald heißen. Sondern Matthias Sammer oder Jürgen Klinsmann oder Ottmar Hitzfeld. Solche kriegen wir anscheinend nicht, nicht als wie auch immer geartetes Bindeglied wie einst Sammer in München (der dort bis heute fehlt), und nicht mal als Berater des Vorstands, trotz Daimler. Speziell bei Jürgen Klinsmann würde es mich nicht überraschen, wenn der demnächst bei der Hertha in Berlin anheuert statt beim VfB. Das ist schade und bemerkenswert und besorgniserregend zugleich. Und unser Thomas Hitzlsperger koordiniert derweil irgendwas im Nachwuchs. Ich wünsche ihm viel Erfolg dabei, möge unsere Jugend bald wieder so glorreich sein wie einst. Und wenn Sie aus diesem letzten Satz Zweifel herauslesen sollten – Sie liegen damit völlig richtig. Denn die dafür nötige Kompetenz, die sitzt jetzt in Leipzig oder Hoffenheim. Oder sie kommt gar nicht erst nach Stuttgart, weil sie weiß, dass anderswo die Bedingungen für erfolgreiches Arbeiten besser sind.

Nun habe ich Präsident, Sportvorstand und Trainer aufgeführt, Finanzen und Marketing weggelassen. Nicht, weil sie nicht wichtig wären sondern weil ich glaube, dass der Präsident diese Beiden richtig zu führen weiß. Obwohl ich auf mindestens acht von zehn Marketingaktionen meines Vereins gerne verzichten könnte. Aber was zählt is halt immer noch aufm Platz. Und die finanziellen Folgen der Personalien Badstuber, Korkut und Co hat aus meiner Sicht weder Stefan Heim noch Jochen Röttgermann verbockt sondern eben nun mal der Sportvorstand im Verbund mit dem Präsidenten – die zu kontrollieren Aufgabe eines Aufsichtsrats wäre, womit wir langsam zum unschönen Schluss kommen.

Den aktuell vom Präsidenten des Vereins und zumindest virtuellem Vorsitzenden des Vorstands Dietrich angeführten Aufsichtsrat des VfB Stuttgart habe ich schon seit Jahren als eine der Hauptursachen allen Übels ausgemacht. Denn da sitzen außer einem sich selbst kontrollierenden Alles-Vorsitzenden fast ausschließlich Menschen drin, die diesen Posten nur bekleiden, um sich mit ihm schmücken zu können. Die darüber hinaus von allem Sportlichen keinerlei Ahnung haben und noch dazu keinen Kopf dafür, sich gebührend um die finanziellen Angelegenheiten zu kümmern. Seit der Ausgliederung ist Wilfried Porth auch nicht mehr der einzige Daimler-Vertreter in diesem Gremium – er ist aber weiterhin der einzige, der da sitzt, weil kein anderer vom Daimler sich statt ihm drum kümmern mag. Ein Hartmut Jenner sitzt da noch, von dem man über Umwege hört, er habe diesen Trainer Korkut sowieso nicht gewollt, aber dann halt mit abgenickt. Dr. Bernd Gaiser ebenfalls zwar eine angebliche Wirtschaftsgranate, aber im Fußball völlig unbedarft. Hermann Ohlicher dabei, Deutscher Meister 1984, Legende – aber woher soll der bitteschön die nötigen Kontakte haben, um 2018 bei sportlichen Entscheidungen im Bilde zu sein. Guido Buchwald mit an Bord, während größerer Turniere fungiert sein erdverschmiertes Schiefgesicht bis heute stolz als mein Avatar bei Twitter, was war der Guido geil 1990. Ewige Liebe dafür – aber Aufsichtsrat bei der VfB Stuttgart AG?

Keine Zeit, keine Ahnung, zu alt, zu unbedarft, zu was weiß ich – aber toll, dass wir dabei sind. Fütter mein Ego. Und mein Geld isses ja ohnehin nicht, das wir hier mit unserer undefinierbaren Tätigkeit verbrennen.

Da muss ich mich ja drei Jahre später noch bei Eduardo Garcia entschuldigen, den ich auf der Mitgliederversammlung 2015 inmitten meines Tuchel-Zorns hart anging. Weil er öffentlich schlecht über den Trainer redete, „die ganze Scheiße“ lauthals scheiße fand. Aber ein Eduardo Garcia, der hatte sein eigenes Geld im Verein. Nicht das vom Daimler oder vom Würth oder vom Kärcher oder von sonstwem. Der war immerhin mit Leib und Seele dabei. Und vom Präsidenten Wolfgang Dietrich als Vorsitzendem und Taktgeber des Aufsichtsrates erwarte ich, dass er zumindest versucht, dieses Gremium, wie auch alle anderen, mit möglichst kompetenten Menschen zu besetzen statt mit willfährigen Abnickern, die sich im Amt sonnen.

Anfangs schrieb ich, man könne im Fußball nur Erfolg haben, wenn man sein Ding durchziehe, auch in schwierigen Zeiten. Und merkte gleich, dass es da schwierig werden würde – denn Schindelmeiser und Wolf zu entlassen fand ich richtig. Obwohl damit direkt der nächste Kurswechsel eingeläutet wurde. Aber damals ging es darum, nicht gleich wieder abzusteigen, daher für mich eine der wenigen Ausnahmen, die solche Kurswechsel vertretbar machen in Zeiten, wo Geld die Welt regiert und in relevanter Menge nur an die Clubs ausgeschüttet wird, die in der ersten Liga spielen. Mit dem Retter Tayfun Korkut allerdings dann weiterzumachen – das war eine erneute Festlegung auf einen längerfristigen Plan, die vielleicht anders entschieden worden wäre, hätten mehr als vier kalte Augen draufgeschaut. Aus der Ferne hatte ich auch gehofft, der Trainer könne die Truppe weiter entwickeln, modernisieren, schneller machen. Denn die geeigneten Spieler sind vorhanden – zwar nicht für die Meisterschaft, aber doch für eine Weiterentwicklung ohne akute Abstiegsnot. Ob er’s nicht konnte, ob ihm zu viel reingeredet wurde, ob die Mannschaft gegen ihn war – ich weiß es nicht. Ob die Entlassung nach sieben Spieltagen richtig war – ich weiß es nicht. Bin aber auch kein Sportvorstand. Nicht mal Aufsichtsrat, glücklicherweise. Denn dann könnte ich all das nicht mehr schreiben. Müsste mir anders Luft verschaffen. Womöglich ins Fitnessstudio. Oder Marathon. Gott bewahre. Aber eines ist für mich sonnenklar: Der VfB braucht mehr Sportkompetenz und weniger Eitelkeiten. Sonst wird das immer so weitergehen. Benjamin Pavard spült die nächsten Millionen in die Kasse, mit denen wieder Spieler gekauft und Trainer abgefunden werden können. Also bitte bitte Vereinsführung: Holt Euch nicht Einen, holt Euch Einige. Und zwar auf Augenhöhe. In alle Gremien, in alle Stäbe. Sonst wird das nie was. Sonst zieht Ihr Euer Ding bald wieder in der Zweiten Liga durch.

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