By the way 307 – ab jetzt alle für Uruguay...

Jetzt für wen ist man bei der WM, nachdem unsere so miserabel ausgeschieden sind? Ist man für die Franzosen, deren Sprache als Amtssprache der FIFA dient? Klar, dem hervorragenden Benjamin Pavard vom VfB Stuttgart würde ich es gönnen, weil er ist einfach ein toller Typ, und außerdem steigt dann seine Ablösesumme weiter. Aber für die Franzosen, ernsthaft? Oder ist man für die Belgier, die schon immer Geheimfavorit sind? Oder für eines dieser Länder, mit denen niemals irgendwer gerechnet hätte, die aber immer noch dabei sind? Die Russen, wegen ihrer schönen Hymne? Die Engländer, wegen des schicken Anzugs ihres Trainers, oder weil sie zwar immer noch nicht gut spielen, aber dafür sogar Elfmeterschießen gewinnen?

Ich bin für Uruguay, und zwar aus mehreren Gründen: Uruguay ist ein kleines Land, in dem jetzt auch schon seit ganz schön vielen Jahren alle ganz schön glücklich sind, trotz mancher Gegensätze natürlich. Nach dem Ende von Diktatur und Tupamaro-Bewegung herrscht Frieden, die Menschen können sich von hervorragendem Fleisch ernähren und lassen sich weitgehend in Ruhe. Gleiches gilt auch für den Staat und seine Bürger.

Dazu kommt: Uruguay ist eine absolute Fußballnation, schon immer. Die haben sich einfach vier Sterne aufs Trikot gemacht, obwohl sie „nur“ zweimal Weltmeister waren, anno Tobak. Zählen einfach ihre zwei Olympiasiege 1924 und 1928 mit (vor 1924 durften keine Profis mitspielen und nach 1928 nur noch U23-Spieler) und inkludieren vier Sterne in ihr offizielles Verbandswappen. Die scheißen auf den Weltverband.

Nach der letzten WM, als Suarez für nie dagewesene neun Pflichtspiele gesperrt wurde, da sagte Uruguays damaliger Präsident José Mujica: „Los de FIFA son una manga de viejos hijos de puta.“ Also sinngemäß: FIFA gleich Hurensöhne. Und diesen Satz sagte er nicht einfach, den schleuderte er der FIFA förmlich ins Gesicht. Und wenn Sie jetzt denken, das sei eben so mit den Staatspräsidenten in Südamerika, alle einen an der Klatsche, dann müssen Sie wissen, dass dieser José Mujica zeitlebens ein einfacher Mann war und ist, einer, der als Rebell viele Jahre in Einzelhaft verbrachte, der als Präsident 85% seines Einkommens den Armen spendete und der bis heute seinen einfachen Bauernhof selbst bewirtschaftet und eine 40 Jahre alte Karre fährt. Ein Mann des Friedens ist der Ex-Revoluzzer, sie lieben ihn sehr in seinem, ihrem Land. Einem Land, das viel zu klein ist für die Marketingkampagnen der FIFA und ihrer Sponsoren. Ein Land, das viel zu wenig korrupt ist für die Machenschaften eines Infantino, gegen den ja selbst ein Blatter harmlos daherkommt.

Fußball spielen können die Urus natürlich auch sehr gut, ist ja nicht so, dass wir hier von einem Exoten reden. Kurz und schmerzlos wurden die Russen in der Gruppe mit 3:0 abgefrühstückt, und das Viertelfinale gegen Portugal, wer’s gesehen hat: Was für eine tolle Mannschaftsleistung, was für ein sensationelles Tor zum 2:1. Cavani und Suarez sind vorne immer gefährlich und grätschen gleichzeitig hinten die Bälle ab, voller Einsatz. Und Godin im Zentrum der Abwehr. Und dieser Diego Laxalt mit der Leroy Sane-Gedächtnisfrisur, haben Sie gesehen, was der auf seiner Außenbahn veranstaltet? In allen Details ein Fußball, der im Vergleich zu den blutleeren Auftritten unserer „Mannschaft“ wie von einem anderen Planeten zu stammen scheint.

Und genau deswegen, genau wegen all der grade angeführten Argumente ist es geradezu zwingend erforderlich, dass Uruguay den Titel holt. Denn jenseits aller Sympathien oder (im Falle Suarez) Antipathien, die man haben mag: Ein Weltmeister Uruguay wäre eine schallende Ohrfeige ins Gesicht der FIFA. Eine Ohrfeige, die längst überfällig ist. Ab jetzt also bitte alle für Uruguay!

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