By the way 291 – und wenn Du denkst, es geht nicht mehr, dann kommt der HSV daher...

Es ist schon komisch mit dem Profifußball in Deutschland. Da heißt es einerseits, das „Business“ sei immer professioneller, da müssten die Strukturen und die Personalien stimmen, sonst ginge gar nix. Trainer sind Laptoptrainer, es wird nicht mehr rausgegangen und gespielt, sondern es wird Box to Box verschoben mit halb abknickendem Neuner – ein ehedem als relativ intelligent angesehener Fußballer wie Mehmet Scholl rafft das nicht mehr und kriegt ergo kein Bein auf den Boden. Abseits der sportlichen Führung geben knallhart kalkulierende Betriebswirtschaftler den Takt vor, gerne hinter den Kulissen, weil im Kameralicht glänzt Kalles Kopf feuerrot neben Uli.

Vollprofis am Ruder, im besten Fall ruhig und unaufgeregt, nicht in jedes Mikrophon reinposaunend. Der eine hat ein glücklicheres Händchen als der andere, wie woanders auch. Natürlich auch viele Kappen und Vollpfosten dabei, es ist wie überall.

Aber an manchen Orten, da ist es anders. Da lassen viele zehntausende Mitglieder es zu, dass einige wenige im Rahmen der Statuten Leute zum Präsidenten, ergo Taktgeber und Obermufti wählen, deren gesamte Persönlichkeit im allerwohlwollendsten Falle gerade noch als höchst zweifelhaft bezeichnet werden kann. Aber keinen juckts. Einer hat im Rampenlicht hier die Wahrheit gebogen und da einfach dreist gelogen, und wenn das jemand kritisierte, wurde mit Klage gedroht. Einer gilt als erfolgreicher Unternehmer, aber wenige Monate nach seinem Abgang saßen die Mitarbeiter samt und sonders auf der Straße. Einer macht Ehrenamt und hintenrum die Taschen voll. Einer verstößt eigentlich gegen die Statuten des Verbands und ist trotzdem in Amt und Würden. „Gangster, aber clever“, sagen Sie? Mitnichten, sage ich. Denn am Ende der ach so cleveren Gangsterrochaden stand bislang immer das absolute Chaos. Hierzulande aber wurscht, selbst wenn all die genannten Rochaden und noch viel mehr von ein und derselben Person begangen wurden. Worden sein sollten, muss man wohl sagen, sonst ruckzuck einstweilige Verfügung. Reicht ja, wenn wir uns jahrzehntelang über diese kriminellen Baulöwen in Spanien aufregen, die ihre Clubs führen wie im Film. Und das auch noch in sauteuren Anzügen und mit Gel in den zurück gekämmten Haaren.

Und wenn man dann so denkt, das könne doch alles nicht wahr sein, dann kommt der Hamburger Sportverein daher und setzt noch einen drauf. Denn in der Stadt der ehrbaren Kaufleute, wo man Zentrum noch mit C schreibt, und wo jeder auch nur im Ansatz ehrbare Kaufmann schon längst einen möglichst weiten Bogen um den altehrwürdigen Club macht, da wählen von insgesamt rund 78.000 Mitgliedern 500 ungrad Leute einen Bernd Hoffmann zum Präsidenten. Einen, der schon mal da war, von 2003 bis 2011. Der als Vorstand damals gefeuert wurde. Dem die zur Untersuchung seiner Amtsführung beauftragte Unternehmensberatung angeblich wilde Sachen nachgewiesen haben und sogar zu einer Klage gegen ihn dringend geraten haben soll. Was der Aufsichtsrat damals angeblich abgelehnt haben soll, weil er sonst in Haftung genommen worden wäre. Also wurde Hoffmann gefeuert, bekam trotzdem eine Million Abfindung mit Verschwiegenheitsklausel. Auch hier bitte zahlreiche „angeblichs“ dazudenken, nicht dass noch einer behauptet, ich würde was behaupten. Aber man hört schon hin und wieder, dass einige Leute in der Hansestadt sehr wohl Bescheid wüssten über das alles.

Und trotzdem darf ein Bernd Hoffmann wieder antreten, darf seine Leute in Stellung bringen und sich zum Präsidenten wählen lassen. Weil nur insgesamt knapp 1.100 von 78.000 stimmberechtigten Mitgliedern überhaupt zur Mitgliederversammlung gehen. Weil einer wie Ex-Präsident Jarchow seinerzeit lieber schwieg als wie jetzt in der Zeitung zu erzählen, was er am Ende der letzten Hoffmann-Ära im Amt vorgefunden hatte, zB. das mit dem Transferbudget für Arnesen (dem, wie man munkelt, von Hoffmann erst 20 Millionen für Transfers versprochen wurden, dem dann aber Jarchow selbst sagen musste, er müsse 20 Millionen einsparen). Weil schon vor der Wahl die Medien in Hamburg lieber als die Vorgänge um seine letzte Amtszeit aufzurollen dem Herrn Hoffmann eine Plattform bieten, auf der er relativ ungebremst trommeln kann. Und Alfred Draxler („Wirtschaftsfachmann Hoffmann“) trommelt via Boulevard fleißig mit. Draxler im Haargel-Ranking und einigen anderen Wertungen jedem spanischen Klischee-Baulöwen ebenbürtig, wie ein Pate hält er die schützende Hand über diejenigen, die ihm oder seiner Zeitung die Infos stecken, Große, Kleine, Mittlere, in fast jeder Stadt gibt es welche.

In Hamburg sagen sie den Klassiker: Der HSV stand am Abgrund – jetzt ist er einen Schritt weiter. Als Anhänger und Mitglied des VfB Stuttgart sollte man sich eigentlich drüber freuen, dass verlässlich einer da ist, der mindestens denselben Scheiß macht wie der eigene Club. Der HSV ja nicht mal eine Insel in meinem Archipel. Aber traurig ist es trotzdem, ist es nicht?

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