By the way 28 - die Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 28, 02. April 2007)

Die Pfiffe des Duisburger Publikums gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nach dem Schlusspfiff der Partie letzte Woche gegen Dänemark waren nicht nur sehr ungerecht und unhöflich den jungen Spielern gegenüber, sie waren darüber hinaus auch ein Zeichen dafür, wie schnell man vergisst. Denn die pfeifenden Zuschauer, ebenso die zahlreichen berichtenden Medien und Kommentatoren, schienen die Jahre seit 1990 glatt vergessen zu haben: Das statische Gerumpel unter Vogts, in seinem Grauen nur halb verdeckt durch Spielerpersönlichkeiten wie Sammer oder Klinsmann, der fußballerische Offenbarungseid unter Sir Erich Ribbeck, und dann das Weiterrumpeln unter Völler, der aus nicht nachvollziehbaren Gründen als Erneuerer und visionärer Heilsbringer gefeiert wurde, obwohl „seine“ Nationalmannschaft spieltechnisch genauso rückwärtsgewandt auftrat wie die Teams seiner beiden unseligen Vorgänger. Dass dabei trotzdem die Vizeweltmeisterschaft, und bei Vogts der EM-Titel, raussprangen, das ist wie gesagt der Kombination von viel Glück und ein, zwei herausragenden Einzelspielern zu verdanken.

Und heute tritt die Nationalmannschaft durchweg so auf, dass man sich sehr wundern muss, warum der Spitzname „Die weißen Riesen“ noch immer nicht per Dekret zur offiziellen Bezeichnung des Teams erklärt wurde. Was früher arrogante Selbstüberschätzung war, mit der das sehr wohl vorhandene Bewusstsein von der eigenen Unzulänglichkeit schlichtweg verdrängt wurde, das ist heute Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, gegründet auf die Erkenntnis, dass man in den meisten Dingen, die den Fußball ausmachen, absolut auf der Höhe der Zeit ist. Dieses gilt für Spieler ebenso wie für Trainer. Und auf der Höhe der Zeit sein heißt eben auch, für jede Position im Team mindestens zwei Spieler zu haben, die das taktische Gefüge der Mannschaft verinnerlichen. Daran arbeitet Löw, und dass er seine Sache gut macht merkt man schon daran, wie alle Spieler förmlich aufblühen, wenn es wieder zur Nationalmannschaft geht. Denn dort bekommen sie, was sie brauchen – sowohl handwerklich als auch mental. Da kriegen sie gesagt, dass sie es können, dass sie es versuchen sollen, dass ihnen das alles weiterhilft in ihrer persönlichen Entwicklung. Und genauso treten sie dann auch auf dem Platz auf. Es wird ein schnelles Passspiel versucht, eine zeitgemäße Raumaufteilung ist die Vorgabe, die nach Kräften umgesetzt wird. Und wenn früher nach dem zweiten Missverständnis die Luft raus war, der Querpass kam, das Spiel langsam gemacht wurde, so wird heute eisern weitergearbeitet – nach vorne, schnell weiter den Ball, noch mal versuchen. Und die Leute pfeifen.

Natürlich waren gegen Dänemark auch Spieler dabei, für die dieser Einsatz vielleicht noch ein wenig zu früh kam. Aber besser so rum, als die Spieler zu Tode zu schonen. Lieber junge Spieler mit Perspektive sehen, die etwas bewegen wollen als übersättigte Altprofis, die eine ruhige Kugel schieben wollen und dabei noch älter aussehen. Und der Trainer macht so etwas ja auch nicht immer sondern bislang genau ein einziges Mal. Er wird sich sicherlich nicht von den Pfiffen irritieren lassen. Zumal der Auftritt in Duisburg immer noch um drei Klassen besser war als 90% aller Auftritte zwischen 1990 und 2005.

Aber die Leute in der MSV-Arena sahen das anders. Sie bejubelten jeden Schritt, den Robert Enke auf den Rasen setzte, trotz seiner zwar sehr ordentlichen aber keineswegs überdurchschnittlichen Leistung wie einen gehaltenen Elfer im WM-Finale. Und die anderen pfiffen sie aus. Wer weiß – vielleicht haben sie am Samstag auch dem Henry Maske zugejubelt, als der 12 Runden lang wie einst nicht gehauen hat. Vielleicht zählt das Vermeiden von Schaden ohne jeden Vorwärtsdrang mehr als das Streben nach dem Sieg unter Inkaufnahme kleinerer Rückschläge. Wobei dem Henry unser ganzer Respekt gilt für seine Leistung und auch für die Tatsache, dass er RTL nochmal so eine große Kampfbörse aus dem Kreuz leiern konnte. Aber gutes und attraktives Boxen funktioniert natürlich anders – und guter Fußball auch.

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