By the way 27 - die Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 27, 26. März 2007)

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trat am Samstag beim EM-Qualifikationsspiel in Prag gegen Tschechien so auf, wie man sich das schon immer gewünscht, es aber fast noch nie gesehen hat: Selbstbewusst, ohne arrogant zu sein, körperlich topfit und spielerisch auf dem neuesten Stand. Wann gab es so etwas schon einmal? Klar, bei der WM 2006 war Ähnliches zu sehen, wenn auch nicht in dieser Konsequenz. Aber bis dahin? WM 2002 nicht, EM 1996 auch nicht – man muss schon zur WM 1990 zurückgehen, das Spiel gegen Jugoslawien, vielleicht auch das Spiel gegen Holland. Wahrscheinlich war auch das Europameisterteam von 1972 so ähnlich drauf.

Von der ersten Sekunde an war deutlich zu sehen, dass die Mannschaft gewinnen wollte. Genau das hatte Jogi Löw schon die ganze Woche gesagt. Nicht das gewohnte Gefasel der Konservativen um Beckenbauer a la „mit einem Punkt können wir zufrieden sein“. Vielmehr ein konsequent vorgetragenes „wir wollen gewinnen“. Verinnerlicht in den Tagen vor dem Spiel, in der kontinuierlichen Arbeit des Trainerteams, und dann demonstriert auf dem Platz. Punktgenau. Einsatz, Spielwitz, Teamgeist – wir wollen gewinnen und wir werden gewinnen. Es war eine Wohltat. Und es war nicht irgendein beliebiger Sparring-Gegner. Es waren genau die Tschechen, die uns noch bei der EM um Lichtjahre voraus waren. Gegen deren B- oder C-Auswahl wir damals chancenlos waren.

Man hatte eine gewisse Vorahnung gehabt. Die Kinder durften sogar aufbleiben, die ganze Familie im großen Bett vor dem Fernseher, Pizza dazu – für die Kleinen eine Premiere. Eher zwar wegen des langen Aufbleibens und der Pizza im Bett, aber dass sie ein gutes Spiel zu sehen bekamen, das konnten sie an den Bemerkungen der Eltern hören. Und die Voraussetzungen für eine Identifikation schon der Kleinen mit dem Team sind ja seit der WM ohnehin exzellent. Frings, Ballack, Lehmann und der kleine Lahm, man kennt die Spieler. Und im Kindergarten wird jetzt wohl nicht mehr gesungen „Kevin Kuranyi, stinkt nach Salami...“. Vielmehr hört man die Leute auch am Montag noch reden über das Spiel am Samstag, kein graues muffiges Beschimpfen jedoch, sondern Interesse und Begeisterung. Wenn Kuranyi so weiter macht, dann wird er seinen Spitznamen „Averell“ bald mit souveräner Selbstironie tragen können. Eine weitere Auswirkung des Spiels könnte die Wahl zum Sportfoto des Jahres 2007 betreffen. Wie Philipp Lahm (rennend) mit dem Kopf gegen das Knie von Jan Koller (ebenfalls rennend) stößt, das war ein Bild, das wir sicherlich noch häufiger zu sehen bekommen werden. Zumal es die tatsächlichen Verhältnisse an diesem Abend so wunderbar auf den Kopf stellt.

Natürlich darf man bei all der Lobhudelei nicht so tun, als seien die Tschechen das beste Team aller Zeiten gewesen. Die haben offenbar aus den letzten Turnieren keinerlei Lehren gezogen. Trotzdem sind sie eine gute Mannschaft, die zu besiegen und dabei derart zu dominieren eine herausragende Leistung darstellt. Passend zum wieder einmal obercoolen Outfit des Trainers Löw (und auch des Co-Trainers Flick). Wenn sie so weiterarbeiten, dann sind sie tatsächlich der Topfavorit für die Euro 2008. Und dann werden sie diese Rolle auch ganz bewusst annehmen. Ohne dabei überheblich zu sein. Das verspricht eine feine EM zu werden. Und bis dahin werden die Kinder auch wissen, dass der Noch-Gladbacher Marcell Jansen keine Frau ist.

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