By the way 26 - die Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 26, 19. März 2007)

Als Anhänger von Verschwörungstheorien jeglicher Art wusste man sofort Bescheid. Das angekündigte Winter-Comeback war eiskalt eingefädelt von der Reifenhersteller-Mafia. Die wollten doch nur, dass wir alle mit unseren Profilreifen noch mal ordentlich Kilometer schrubben auf unseren Reisen in die Osterferien, auf dass die Profiltiefe rasch abnehme und wir uns im nächsten Winter gleich neue Winterreifen kaufen müssten. Kachelmann und Konsorten waren natürlich geschmiert worden und verkündeten schamlos den Wintereinbruch Ende März. Sollten sie nur. Uns würden sie nicht kriegen damit. Also runter mit den Winterreifen und die Slicks aufgezogen.

Normalerweise kann man den wöchentlichen Bedarf an Verschwörungstheorien locker mit Fußball-Bundesliga und anderen Sportevents decken. „Wir kriegen eh nie Elfmeter“, rief man dann, oder auch „dem Gomez pfeifen sie echt alles ab“. Und als Anhänger von Clubs im Abstiegskampf beschleicht einen die ganze Saison über so ein Gefühl „als wolle man uns gar nicht in der Bundesliga“.

Beim Tennis in Flushing Meadows wird immer dafür gesorgt, dass die Amis weit kommen, wegen der Zuschauer, bei der Formel 1 gehen alle Rennen so aus, wie Bernie Ecclestone oder seine Frau es wollen, und normalerweise werden Weltmeisterschaften wie z.B. die Fußball-WM nicht durch Los sondern durch Geküngel vergeben in absatzstarke und vorab zahlungsfreudige Länder. Selbst der Weltmeister steht irgendwie fest – zumindest steht fest, wer gar nicht Weltmeister werden darf.

Als Sportfan ist man eigentlich immer damit beschäftigt, Verschwörungstheorien ganz profaner Art nachzuhängen. Und wer solch profanen Theorien nachhängt, der kommt gar nicht darauf, über wichtigere Dinge nachzudenken. Weltpolitik, Klimawandel, George W. Bush, Atomausstieg, Bildungsmisere, Postengeschacher, was könnte man da nicht alles reindenken an übelsten Theorien. Da weiß irgendjemand sehr genau, warum er uns und unsere Gedanken vollbeschäftigt mit unwichtigen Sportverschwörungen. Da will doch jemand auf gar keinen Fall, dass wir ihm und seinem üblen Spiel auf die Schliche kommen.

Da ist es umso erstaunlicher, dass der Sport derzeit überhaupt keinen Raum gibt für Verschwörungstheorien. So wie es aussieht darf selbst Schalke 04 Deutscher Meister werden, im Abstiegskampf stecken Cottbus und Bielefeld genauso wie Dortmund und der HSV, von Gladbach ganz zu schweigen. Und hat sich schon mal jemand die möglichen Aufsteiger angeschaut? Das Selbe in der Formel 1. Schumi ist weg, trotzdem gewinnt Ferrari wieder. Dazu lauter neue Fahrer, von denen noch nie jemand gehört hat. Sogar Spannung kommt auf. Auch Jan Ullrich gibt wenig Anlass, noch mal richtig über seinen Fall nachzudenken. So doof wie der sich verhält braucht er sich über totalen Aufmerksamkeitsentzug auch nicht weiter zu wundern.

Aber warum gibt man uns kein Futter mehr für unsere Billig-Verschwörungen? Steckt da ein Plan dahinter? Wer lässt uns plötzlich den Raum, über größere Dinge nachzudenken als Auf- und Abstieg? Das mit den Winterreifen ist nur der Anfang. Wenn man uns weiterhin so viele Freiheiten lässt, dann finden wir noch ganz andere Themen. Vielleicht will jemand ja genau das. Vielleicht sollen wir all unser Potential für die Aufdeckung der wahrhaft wichtigen Skandale einsetzen. Und das Ausbleiben Verschwörungstheorie-geeigneten Sportgeschehens ist als Signal an uns zu verstehen. Wir sollten bereit sein. Es geht los.

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