By the way 24 - die Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 24, 05. März 2007)

Die seit ein paar Wochen quasi als unbesiegbar geltenden Bundesliga-Clubs aus Mainz, Stuttgart und Nürnberg verlieren plötzlich wieder, und im selben Zeitraum den Nimbus von Unsiegbaren sich erarbeitet habende Clubs wie München, Bremen, der HSV und Bielefeld gewinnen jetzt wieder. Die Bundesliga macht was sie will, und am Ende gewinnt Irgendjemand – dass dieser Jemand unter gewissen Umständen doch wieder FC Bayern München heißt, das kann zum aktuellen Zeitpunkt nicht mehr ausgeschlossen werden.

Jan Ullrich hingegen hatte niemals einen solchen Nimbus – weder galt er als unbesiegbar noch als unsiegbar. Der einmalige Toursieger und ewige Tour-Zweite galt als relativ sympathisch, super-begabt und irrsinnig faul. Eine gewisse Arglosigkeit konnte man ihm ebenfalls nicht absprechen. Das alles machte ihn zum Idol, wenn er gewann (einmal) und zum Buhmann, wenn er nicht gewann (oft). Dann hieß es, er vergeude sein Talent, er wolle nur gut verdienen und trainiere zu wenig, und das alles sei doch eine große Unverschämtheit. Das eigentlich nichts Unverschämtes dabei ist, die Tour zu gewinnen, zigmal Zweiter zu werden und eine Menge Geld zu verdienen, das wurde beim Ulle einfach ignoriert. Kaum jemand wollte ihm zugestehen, ein bisschen faul zu sein und abends mal vom Hometrainer in den Porsche umzusteigen.

Dass um Ulle herum schon zu Zeiten seines Toursieges längst alle Konkurrenten voll bis unter die Haarspitzen mit allen möglichen Substanzen waren – das kümmerte fast niemanden. Bjarne Rijs, der große Däne, der sein Rad einst wütend wegschmiss, gilt eigentlich bis heute als Gutmensch, Armstrong konnte alle Anwürfe stets kontern und auf seine Krankheitsgeschichte verweisen (deren Bedauerlichkeit hier mitnichten geschmälert werden soll), und alle machten gute Geschäfte und freuten sich darüber. Dabei war EPO schon damals ein Begriff, so manch Stundenweltrekordler flog sogar auf, offene Geheimnisse bis hin zum großen Festina-Tourskandal, Pantani und was noch alles. Nur der Ulle, der blieb außen vor, galt als faules Genie, wurde manchmal geliebt und häufig beschimpft.

Und heute, wo klar ist bzw. wo überhaupt nicht mehr ignoriert werden kann, dass er eben doch nicht außen vor war sondern wie alle anderen auch mittendrin, da muss er büßen für all jene Dinge, die ihm selbst nie nachgewiesen werden konnten, die aber doch allen klar sind. Seine Arglosigkeit steigert sich gleichzeitig zur fast schon selbstzerstörerischen Dummheit, befeuert noch von unseligen und unsäglichen Beratern. Die Kollegen Ivan Basso und Co fahren unterdessen wieder ganz normal Rennen. Vielleicht reden die Exkollegen Profirennfahrer schon kichernd vom heiligen Ulle, der alle Sünden der Radsportmenschheit auf sich nimmt und durch sein Leid die Anderen vor dem Fegefeuer bewahrt. Jörg Jaksche leidet mit, darf auch nicht mehr fahren, ist aber nicht halb so prominent. Er ist, um im christlichen Duktus zu bleiben, der Namenlose, der am Kreuz nebenan hängt.

Und im Sommer gratulieren wir dann dem Ivan Basso zum Toursieg 2007.

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