By the way 236 – vom alten Rom und vom Trump. Und von der Freiheit.

Groß ist die Empörung. Überall liest man derzeit sinngemäß Kommentare wie: “2016 werden wir als das Jahr in Erinnerung behalten, in dem die Welt an den Arsch ging.” Das ist natürlich völliger Blödsinn. Denn die Welt ging schon an den Arsch, als Abraham seinem Herrgott nicht in die Eier getreten hat für dessen Forderung, ihm seinen einzigen Sohn zu opfern. Seit jener Zeit steht der Gehorsam höher im Kurs als das Richtige zu tun. Seither sind wir zur Knechtschaft verdammt.

Freiheit bedeutet doch, nach seinem eigenen Standard tun und lassen zu können, was man will, solange man damit nicht den Nächsten in dessen Freiheit beeinträchtigt. Wie will man aber erkennen, ab welchem Punkt man jenen Nächsten in seinem Wohlbefinden penetriert, wenn man selber nicht ständig an seinem Urteilsvermögen feilt, sondern diesen möglicherweise wichtigsten Punkt des Daseins lieber anderen überlässt?

Auch liest man Sachen wie: “Wir werden uns immer an 9/11 erinnern. 11/9 werden wir immer bereuen.” Dazu ist zunächst einmal zu bemerken, dass es sich um einen Irrglauben handelt zu meinen, das Thema trüge den Namen “nine eleven”. Richtig ist vielmehr, dass es sich hier um “nine one one” dreht, die Nummer für den Notruf. Jemand hätte damals den Hörer abnehmen sollen. Denn damals bestand dringender Anlass, das eigene Handeln zu überdenken. Aber anstatt zu denken entschloss man sich zu Blutrache und Sippenhaft. Großes Übel wurde willkürlich über die Welt verbreitet. Das eigene Volk wurde bespitzelt. Im Ergebnis stehen eine zweite große Völkerwanderung, der Verlust der eigenen Werte, eine Verrohung der Sitten, ohne die Kandidaten wie Trump oder Hillary undenkbar gewesen wären, die Spaltung der Nation und der Weg in die Pleite. Heute ähneln die USA eher einem Land wie Brasilien als sich selber vor dem Anschlag. Ein Punkt, den Trump ja durchaus zu nutzen wusste mit seinem Slogan.

Wer den diesjährigen US-Wahlkampf verfolgt hat, der musste zu dem Ergebnis kommen, dass das Zeitalter der Kakerlake angebrochen ist. Schon allein die Gesichter der Leute bei Trump-Wahlveranstaltungen. Oder das Gekreische der Demokraten, wenn nicht die Beatles sondern Hillary die Bühne betritt. Wer sich da nicht zu den radikalen Parteifans zählen durfte, hatte nur die Wahl des geringeren Übels - eine Option, die auf beiden Seiten des Atlantiks seit Jahren schon zu einer gewissen Lustlosigkeit beim Urnengang führt. Dies ist jedoch lange nicht die einzige Parallele zur alten Welt. Warum also hat die Feuerwehr es doppelt schwer, wenn der Wind sich dreht?

Natürlich wissen wir, dass wir die Guten sind und die anderen die Schlechten. Denn wir zweifeln nicht an unserer Unfehlbarkeit und brauchen uns daher auch nicht weiter zu entwickeln. Wir können immer mit dem Finger auf die bösen Sowjets, die dummen Briten, die idiotischen Amerikaner und die niederträchtigen Moslems zeigen. Bis zum Fall des eisernen Vorhangs waren wir aber nicht nur die Guten sondern auch noch die Freien. Dies ist ein Konzept, das uns seither abhanden gekommen scheint. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit wurde der Alltag des Bürgers in derart penetranter Weise reguliert wie heute. Es gibt Gesetze für alles, gegen alles und für jede Eventualität. In Dorfräten, Gemeinderäten, Bezirksräten, Stadträten und Landtagen bis hin zu den nationalen Parlamenten und weiter in die nächste Dachorganisation verschanzt sich das größte Politikerheer aller Zeiten. Unterstützt werden sie von Kommissionen, Subkomitees, Beratungsstäben, Denkfabriken, Stiftungen etc, etc. Alle für sich entwerfen Gesetze, Richtlinien, Erlasse, Dekrete, Anweisungen, Satzungen und ähnliche Exkremente mehr, die alle dem Machterhalt dienen und den Durchblick vernebeln. Auch ein umfangreicher Bußgeldkatalog darf ganz klar nicht fehlen. Die seit Kohls Zeiten versprochene Steuerreform konnte leider nicht in Angriff genommen werden. Natürlich nicht. Und noch was, falls jemand ein positiveres Menschenbild in Sachen politische Klasse bevorzugt: Selbst wenn alle diese Leute, das Politikerheer, die Berater, die Denkfabrikanten, selbst wenn dieses ganze Heer von Grund auf gut wäre, selbst dann könnten sie das Regeldickicht nicht soweit lüften, dass ein freies Individuum sich darin angemessen entfalten könnte. Denn dazu sind sie viel zu Viele, sie sind selbst Teil des Dickichts geworden. Und haben bereits viel zu viele Regeln geschaffen.

Sinn und Zweck eines Regelwerks ist das Punktuelle, die Definition und Konzentration. Die heute allgegenwärtige Diffusion durch überzeichnete Detailversessenheit ist auf ihre Weise nichts anderes als eine Willkürherrschaft. „Die Politiker“. „Das Establishment“. Willkürlich herrschend, das Geld der Bürger verprassend, darüber hinaus noch weitere Kredite aufnehmend – da hat sich ein riesiger Graben aufgetan. Auch wenn der bild.de –Chefredakteur derzeit die gleiche Sau durch’s Dorf treibt: Ein Präsident Trump ist tatsächlich auch auf das Versagen Barack Obamas zurückzuführen, der seine großen Wahlversprechen nicht mal im Ansatz umgesetzt hat: das Land zu einen und mitsamt des Washingtoner Establishments ein Präsident aller Amerikaner zu sein. Den Graben zuzuschütten.

So ist sozusagen die Schande des Vaters dem Sohne ein brennender Zorn auf das politische Establishment, welches es wegzufegen gilt. Vergeben die Möglichkeit, einen anderen Kandidaten statt der verhassten Hillary zu bringen (da Bernie Sanders dem Durchschnittsamerikaner als Kommunist gilt, ist es allerdings ein wenig arg optimistisch zu sagen, der hätte das locker gewonnen). Voll vergeigt die letzte Chance, Gräben zuzuschütten, die gegenseitig sich nur noch mit Verachtung und Hass begegnenden Lager aufeinander zu zu führen. Und natürlich haben Agitatoren wie Donald Trump da viel zu leichtes Spiel mit ihrer Forderung, das ganze verhasste regulierungswütige Rattenpack vom Hof zu jagen. Beziehungsweise „da endlich mal richtig aufzuräumen“, um es in Trumps eigenen Worten zu sagen.

Dumm nur, dass erfolgreiche Agitatoren immer solche Arschlöcher wie Trump, Orban, Le Pen, Wilders, Erdogan sein müssen. Dumm nur, dass schon in Platons „politeia“ steht, was auf die Demokratie folgt. Hier fehlt einfach eine Institution, die uns angemessen repräsentiert und doch vor der Tyrannei bewahrt. Die aufrecht, integer und heldenhaft daherkommt. Die die Verhältnisse durchschaubarer macht, für mehr Durchblick sorgt. Auch in komplizierten Zeiten muss das möglich sein. Denn die amerikanische Version der Demokratie ist ja gerade so angelegt, dass sie dem Präsidenten maximale Möglichkeiten einräumt, Einfluss auf die Geschicke des Landes zu nehmen. Er steht symbolisch für  das Individuum im Gegensatz zur Masse, die vom Senat und der Politik treibenden Kaste vertreten wird. Wird der Präsident jedoch aus den Reihen der Politik treibenden Kaste rekrutiert, ist seine Urteilskraft in einem Maße gefiltert, dass sie nicht mehr der des arbeitenden Bürgers entspricht. Ergo: Gesucht wird ein integrer Recke, der sich in selbstloser Aufopferung den Stern anheftet. Im Rahmen der für ein gedeihliches Zusammenleben erforderlichen Gesetze. Quasi Gary Cooper statt Trump. Oder Morgan Freeman.

Was haben wir nun von einem Präsidenten Trump zu erwarten? Ein Zitat von Joschka Fischer spendet ein Tröpfchen Hoffnung, denn der ehemalige Taxifahrer sagte einst: „Das Amt verändert den Menschen schneller als der Mensch das Amt.“ Ob für Tycoon Trump das Selbe gilt wie für den Taxifahrer? Viel wird davon abhängen, ob Donald Trump sich mit dem Sieg bei der Wahl zufrieden gibt, sich in der Art eines Gerhard Schröder zurücklehnt und nur noch die dicksten Zigarren raucht - oder ob er in diesem Amt eine Berufung sieht. Sollte letzteres der Fall sein, wird er die Sippschaft in Washington ruckzuck auflösen und alle Posten mit seinen eigenen Leuten besetzen. Natürlich auch alle Posten der Grand Old Party. Je wüster er dabei zu Werke geht, um so mehr werden seine Wähler ihn lieben, seine Gegner ihn hassen. Natürlich kann und wird er Familienmitgliedern und Vertrauten seiner Wahl Minister- und Beraterposten übergeben. Um jedoch seine politischen Ziele umzusetzen braucht er die Zustimmung des Senats. Interessant wird zu beobachten sein, wie er sich da durchsetzt. Und bei Sueton steht, wie die Kaiser im alten Rom das gemacht haben. Da gab’s gerne mal den goldenen Handschlag bei Augustus, da lief das zumindest teilweise noch halbwegs zivilisiert ab. Da gab es aber auch Persönlichkeiten wie Caligula, der vor Hass auf den Senat nur so brannte, sein Pferd Incitatus zum Konsul ernennen wollte und mit den Frauen der Senatoren Bordelle betreiben ließ.

Männerfreundschaften mit der Generalität und Putin stehen an. Der militante Islam nimmt einen republikanischen Präsidenten gerne zum Anlass für neue Anschläge. Die USA sollen ihr nicht vorhandenes Geld in Kriege investieren, nicht in Bildung und Infrastruktur. Man muß sie langsam auf Augenhöhe schrumpfen. In einem solchen Fall könnte er Kriegsrecht verhängen und Wahlen aussetzen. Er wäre Amerikas erster Caesar. Und sollte dann an das große Karthago erinnert werden, das drei Kriege führte. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten, und es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.

Wenn Paul Simon sich die Tage nochmal aufmachte, das wahre Amerika zu suchen, da käme keine Schnulze wie “Amerika” mehr raus. Da wären Simon & Garfunkel eher Death Metaller mit ganz viel Motherfucker im Text. Und wir so? Wir hören das Klingeln schon lange. Und sollten schleunigst den Hörer abnehmen. Und unsere Gräben kleiner machen statt größer. Und hoffen, dass Donald Trump die Fat Lady möglichst lange singen lässt.

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