By the way 20 - die Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 20, 05. Februar 2007)

Wer schon einmal direkt miterleben konnte, wie Politik gemacht wird, wie die Leute ticken, die in der Politik Funktionen innehaben, wie bereits auf lokaler und regionaler Ebene fast ausschließlich moralfreiester Opportunismus die Triebfeder allen Handelns ist, den wird es nicht wundern, dass in den USA von höchster Stelle angeordnet wurde, allzu negative Studien zum Weltklima zu unterdrücken oder zu schönen. Zumal dort von 2001 bis 2005 mit Phillip Cooney genau der Mann zum Stabschef für Umwelt wurde, der bis dahin bekannt war als Top-Lobbyist für Desinformation im Bereich globale Erderwärmung. Nicht wundern muss es gleichfalls, wenn Frau Merkel jetzt wieder andeutet, man müsse Alternativen haben, wenn man aus der Kernenergie aussteigen wolle. Da ist der Ausstieg aus dem Ausstieg bereits fest angelegt in solchen Äußerungen. Aber, wie gesagt: Wundern muss es einen überhaupt nicht – vielmehr sollte man an den zentralen Satz der ersten Staffel der US-Echtzeitserie „24“ denken, der nämlich besagt, man dürfe absolut niemandem vertrauen.

Schlecht sieht es also aus mit der Erde, mit der Menschheit, mit der Politik, durch und durch schlecht. Da kommt die Feststellung des Umweltpsychologen Prof. Andreas Ernst aus Kassel gerade recht, der meint, wir Menschen seien so genannte Nutzenoptimierer und hierin den Ratten vergleichbar. Kurzfristige Erfolge sind uns lieber als langfristige. Nun wissen wir Bescheid – rattenhaftes Verhalten also. Andererseits gelten Ratten als super-resistent, die sollen sogar die atomare Apokalypse überleben können. Hoffnung hier? Keineswegs.

Hoffnung finden kann man in der Politik wahrscheinlich längst nirgends mehr. Im Sport dagegen schon. So sollte für alle Anhänger des FC Bayern München das Prinzip Hoffnung gelten. Zunächst einmal, weil nach dem Rausschmiss von Magath die Verpflichtung von Hitzfeld bis Saisonende von allen möglichen Alternativen die Beste war. Dann aber vor allem Hoffnung, weil vielleicht bereits jetzt der Hoeness und der Rummenigge mit dem Klinsmann zusammen an der Mannschaft für die kommende Saison basteln. Der völlige Umbruch wird akribisch und in aller Ruhe vorbereitet, und nach außen hin verwaltet Hitzfeld den Laden ordentlich bis zum Sommer, zieht gleichzeitig die Aufmerksamkeit an sich. Wenn das nicht mal clever ist. Und wenn da mal nicht – wie gar so oft – die große Desillusion folgen wird, wenn nämlich der FC Bayern gar keinen gescheiten Trainer mehr findet und auch keine gescheiten Spieler mehr und daher mit dem Hitzfeld verlängern und trotz ach so dicken Festgeldkontos weitergurken muss wie bisher.

Überhaupt kein Thema war die Desillusion bei der Handball-WM. Wir bezwangen, wenn auch mit bescheidener Hilfe durch die Schiedsrichter, erst den Weltmeister, dann den Europameister – und dass wir im Finale gegen Polen gewinnen würden, das war ja klar. Zumal am Finaltag echtes WM-Wetter herrschte. Ein wunderschöner Tag, sympathische Schnauzbart-Anklebeaktion, alles war gut. Nur der Pokal, also der sah irgendwie aus wie eine Mischung aus Franz Marc und rituellem Phallussymbol. Die armen Jungs, so eine scheußliche Trophäe haben sie nicht verdient.

Ob der Handball nun eine Blüte erlebt, weil alle Eltern ihre Kinder in den Handballverein schicken, das soll an dieser Stelle, bei aller Euphorie, ordentlich bezweifelt werden. Denn in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat dieser Sport qualitativ riesige Fortschritte gemacht, allerdings auf Kosten einer kaum mehr auszuhaltenden Körperlichkeit. Die Jungs sind nach jedem Spiel, nach jedem Training grün und blau, und es wundert überhaupt nicht, dass diese Belastungen im Profibereich nur mit Unmengen Voltaren zu ertragen sind. Gab’s schon immer, werden jetzt viele sagen, und sie haben recht. Allerdings war das früher eher die Ausnahme, und heute nimmt man eigentlich vor jedem Spiel was. Die Spieler reden ja auch offen drüber – im Gegensatz zu früher. Ich werde meinem Sohn natürlich den Handball nicht verbieten, wenn er sich denn mal dafür begeistern sollte. Ihn als Handball-Vati in den Verein drängen werde ich allerdings auch nicht.

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