By the way 19 - die Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 19, 29. Januar 2007)

Ein Trainingslager in der Winterpause ist Pflichtprogramm für alle Fußballclubs bis runter in die Regionalliga. Ist ja auch kein Fehler, die Jungs in der spielfreien Zeit körperlich und geistig zu optimieren, auf dass sie eine gute Rückrunde spielen, Titel oder Klassenerhalt sichern und ihren Clubs und sich selbst Ruhm und Ehre zuteil werden lassen. Bei der riesigen körperlichen Belastung und auch dem mentalen Stress, dem die Spieler heutzutage ausgesetzt sind, ist das Trainingslager das einzig Senkrechte.

Ganz früher blieben sie alle im Lande, übten im Wald und auf dem heimischen Platz, gingen in den Kraftraum und das war`s. Dann irgendwann gingen alle nach Spanien, Marbella und so, weil es da wärmer sei und schöner. Und heutzutage gehen alle nach Dubai. Das Motto lautet offenbar: So teuer und exklusiv wie möglich. Nur, was auf dem Tourismusmarkt als das Nonplusultra gilt, ist für uns gut genug. Nach Spanien fahren fast nur noch Regionalligisten und vielleicht Energie Cottbus. Die anderen ab nach Dubai, zum Scheich Al-Soundso. 30 Grad wärmer als zu Hause, gleißendes Sonnenlicht, semi-reale Luxushotels und saudische Testspielgegner. Ein Tross Journalisten immer dabei, die Profis wie Popstars glamourös inszenierend, insektenartige Sonnenbrillen auch im Winter. Der Form halber wird manchmal dazugeschrieben, dass sie wirklich ein Schweiß treibendes, ganz hartes Programm absolvieren müssen, selbst O. Kahn kommt nur einmal am Tag zum Golfspielen.

Und dann, wenn die Bundesliga wieder losgeht, spielt man im Ruhrpott vor 80.000 bei ca. 0 Grad, das ekligste Nasskalt draußen, oder in Nürnberg bei dichtem Schneetreiben, und man spielt genauso, wie es nach dem Dubai-Trip zu erwarten war: Gut erholt, guter Teint, man ist relaxed und kann durchaus körperlich was reißen. Aber im Kopf ist man halt doch zwei Wochen im Schlaraffenland gewesen, in einer Welt, die auch auf der Erde liegt aber so überhaupt nichts zu tun hat mit dem stressigen Alltag in der Bundesliga. Und dann steht man unkoordiniert rum, spielt komplett ohne Abstimmung, kann sich nicht an taktische Vorgaben halten ist irritiert, weil es so kalt ist, weil es vielleicht sogar schneit und man den orangenen Ball nehmen muss.

Wie gesagt, nichts gegen Trainingslager, ganz im Gegenteil – aber die Leistungen der Titelaspiranten München und Stuttgart am ersten Spieltag nach der Winterpause provozieren geradezu die These, es doch mal ein klitzekleines bisschen bodenständiger anzugehen mit dem Wintertraining. Grade diese beiden Clubs lieferten täglich Bilder von Beckham`scher Güte aus dem Winterparadies Dubai. Warum können die sich nicht hier auf die Rückrunde vorbereiten – auf genau dem schmierigen kalten Rasen, auf dem sie mindestens bis Mitte März kicken müssen, bei den Temperaturen, die eben hier herrschen, etc. Für den Kopf sollen sie ruhig in luxuriöse Hotels fahren, dort drei Tage oder auch eine Woche nur Yoga machen, Massagen, Ernährung, alles, was sie brauchen. Aber dann wieder raus auf den Platz, in den Wald, mit Ball, ohne Ball. Ein bisschen weniger Popstar macht vielleicht Platz im Kopf, Platz, den man dann wieder füllen kann mit Saisonzielen, taktischen Dingen, Einsatzbereitschaft. Ist das so abwegig?

Und überhaupt, sind solche Temperaturunterschiede eigentlich gut fürs Immunsystem?

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