By the way 13 - die N24-Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 13, 06. November 2006)

Emilio Butragueño, genannt El Buitre, wusste es bereits in den achtziger und neunziger Jahren. Während man auf alten Trainingsbildern seine Kollegen bei Real Madrid wie Sanchis, Michel und Co traben, sprinten, dribbeln oder sonstwie in Bewegung sieht, sitzt der Geier (das heißt „El Buitre“), der in 341 Spielen 123 Tore schoss und 14 Titel gewann, meistens in irgendwelchen seltsamen Posen im Hintergrund, die an Dehnübungen erinnern, aber auch wieder nicht. Damals war es noch ein sehr exotischer Begriff, mit dem sich derartige Posen bezeichnen ließen – heute weiß es jedes Kind: Es war Yoga, was Butragueño da praktizierte.

Yoga, ob Kundalini, Hatha oder eine der zahlreichen anderen Varianten, Thai Chi oder eine ähnliche Form der geistig-körperlichen Stärkung, sollte für Fußballer wie auch für alle anderen Leistungssportler zum absoluten Pflichtprogramm gehören. Wenn man nämlich sieht, wie Samstag für Samstag die Spieler der Bundesliga in vielen Situationen schlecht vorbereitet oder schlichtweg überfordert sind, wenn man bedenkt, in welchen Extremsituationen sich Formel 1-Piloten oder auch Langstreckenschwimmer, Freeclimber, Tennisprofis und eigentlich alle auf höchstem professionellem Niveau Sporttreibenden regelmäßig beim Ausüben ihrer Sportarten wieder finden, dann sollte man doch annehmen, dass nicht nur die körperliche Topfitness für so etwas unabdingbar ist sondern auch der Kopf.

„Mentalmäßig waren wir nicht so gut drauf“, so oder so ähnlich bezeichneten Andy Möller, Kobra Wegmann und andere oft zitierte Fußballer früher eine gerade abgelieferte bescheidene Leistung. Wären sie nur öfter mal im Schneidersitz gesessen, hätten „Ong Namo, Guru Dev Namo“ gesungen, entsprechende Übungen gemacht und gelernt, Ihren Atem zu kontrollieren – dann wären sie mentalmäßig sicherlich besser drauf gewesen. Und was bei Fußballern in einem schlechten Spiel endet, das kann bei anderen Sportarten schnell mal lebensbedrohlich werden. Wenn nämlich der Griff des Climbers im Fels nicht richtig sitzt, wenn der Bremspunkt des Rennfahrers bei Tempo 300 eine Sekunde zu spät kommt, dann hat man später wahrscheinlich gar keine Gelegenheit mehr für Erklärungen.

Yoga, Thai Chi und Co helfen einem dabei, vorbereitet zu sein für alles, was auf einen zukommt. Und wer vorbereitet ist, der kann auch besser reagieren. Es geht nicht um ein Wundermittel mit Erfolgsgarantie für richtiges Verhalten in allen Situationen. Es geht darum, stark zu sein im Kopf, und für den Breitensportler geht es darüber hinaus auch darum, körperlich fit zu sein. Diese Fitness reicht natürlich nicht aus für Profisportler – die müssen weiterhin irre viel körperliches Training machen. Aber die mentale Stärke, die erreicht man nicht durch körperliche Fitness allein. Da muss noch mehr kommen, und dieses begreifen mittlerweile immer mehr Menschen. Sei es das Team um Jürgen Klinsmann in der Vorbereitung auf die WM, wo wir einzelne kleine Details sogar im zugehörigen Film entdecken konnten (z. B. Fackeln in 4-4-2-Formation), oder sei es Michael Schumacher (dessen indischer Physiotherapeut sicherlich viel mehr ist als ein Masseur).

Trainer und Betreuer, die das Potential der von ihnen Betreuten voll ausschöpfen wollen, werden mehr und mehr bei Yoga, Thai Chi und ähnlichen Techniken landen. Auch die Berichte über diese Trainingsmethoden werden in naher Zukunft sicherlich häufiger werden. Das ist gut so – und es ist höchste Zeit dafür. Denn wer mehr Yoga macht, der braucht vielleicht auch weniger Doping. Aber das ist noch mal ein ganz anderes Thema.

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