By the way 116 - Heidelberger Hinterhofidyllen und Hitler-Hoeneß-Vergleiche – alles lähmt der Abstiegskampf

Grad war’s noch Winter, jetzt lacht die Sonne, und Tauben und Krähen kacken von den Bäumen, als wär es wärmster Sommer. Wer nicht im Kurzarm raus kann, der macht wenigstens die Fenster auf. Erregte Frauenstimmen von draußen, aber kein Sex am helllichten Tag sondern: „Wer hat Moby Dick geschrieben?“, dazwischen Töpfeklappern, und es riecht lecker. Dann wieder: „Wo spielt die Lindenstraße?“ Beim Kochen Quizduell spielen, Heidelberger Hinterhofidyll, natürlich wüsste ich alle Antworten.

Es könnte so schön sein, wenn da nicht dieser Abstiegskampf wäre. Wobei Kampf nur manchmal die richtige Bezeichnung ist für das, was der VfB Stuttgart auf der Zielgeraden der Bundesligasaison so abliefert. Denn ganz ordentlich spielen, kämpfen und verlieren tun sie höchstens alle zwei bis drei Wochen. Ansonsten spielen sie schlecht, schleichen mit hängenden Köpfen und Schultern über den Platz und schenken die Punkte quasi ab. Dann führen sie nach 20 Minuten 2:0 gegen Dortmund, man bereitet sich mental auf ein Schützenfest vor – und muss am Ende doch zum Hanfseil greifen, weil’s halt wieder nicht gereicht hat. Dabei hat sogar der HSV gegen die Bienen gewonnen, mit van der Vaart, der sich selbst immer noch für Beckham hält, was glücklicherweise viele im Dino-Verein ihm nachtun. Meine Hoffnung heißt Hamburg, die werden 17., und gegen Paderborn in der Relegation kann sogar der VfB gewinnen – unter Umständen. 

Abstiegskampf lähmt das Hirn, Fußball ist unser Leben, und nicht mal Hitler-Vergleiche wollen mir einfallen, obwohl das doch jetzt wieder so in Mode kommt. Einer legt vor, und die anderen künsteln Empörung. Beide Weltkriege werden rausgeholt, Krim-Blaupause, und dank dem eifrig twitternden Sportjournalisten Peter Ahrens findet sogar die halbtot gerittene Hoeneß-Thematik ihr lauschiges Plätzchen in der Debatte. Denn, hallo und Aha, wer war nochmal vor 90 Jahren just dort inhaftiert, wo jetzt TV-Teams Ulis künftiges Zuhause zeigen – man nannte das damals noch Festungshaft – und nutzte die Zeit zum Verfassen eines später überaus populär gewordenen Buches? 

Überhaupt Twitter: Fußballübertragungen anderer als der eigenen Mannschaft, Talkshows, ECHO-Preisverleihungen, mit Larry alles noch besser. Und in den knapp bemessenen Zeitfenstern dazwischen werden lustige Spiele initiiert, die zum Beispiel #flughafenprominenz heißen, und zu denen ich mit „TerminAl Bundy“ oder „Henry SauerstoffMaske“ mein bescheidenes sinnfreies Scherflein freudig beitrage. Es könnte wirklich alles so schön sein, aber am Samstag ist wieder Abstiegskampf. Stuttgart gegen Freiburg, Haupttribüne Mitte. Mit dem Schlimmsten rechnen, auf dreckige drei Punkte hoffen und insgeheim vom Schützenfest träumen. Und im Stadion gilt natürlich: #twoff!

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