By the way 110 - von Berliner Thrillern und Stuttgarter Tragödien, von hässlichen Fratzen und fußballkompetenzfreien Aufsichtsräten...

Vielleicht liegt es ja daran, dass ich derzeit ständig Don Winslow lese. Vielleicht kann ich ja deshalb kaum glauben, dass dieser von einem Blogger der Freitag-Community in einem großartigen fiktiven Abhörprotokoll als „grenzschwuler Sozen-Inder“ bezeichnete Herr Edathy einfach so vernichtet wird, weil er Bilder nackter Kinder im Internet gekauft hat. Bilder, die nach deutschem Gesetz nicht mal illegal sind. Und da ich nun mal im Winslow-Fieber bin, ist der Bogen schnell gespannt: Wer den Geheimdiensten als Vorsitzender im NSU-Untersuchungsausschuss derart vor den Karren fährt, den Oberspion, Multi-Staatssekretär und Primär-Leaker Klaus-Dieter Fritsche wie einen Angeklagten behandelt und auch sonst jahrelang keinem Konflikt in Partei und Bundestag aus dem Weg geht wie Herr Edathy, der muss mit Rache rechnen. Der muss damit klarkommen, dass sich ermittelnde Staatsanwälte vor die Presse stellen, das Todesurteil „Kinderpornographie“ aussprechen, und dann im Kleingedruckten erklären, der Angeklagte sei gar keiner Straftaten angeklagt, habe gar nichts illegales getan. Wie im Thriller geht es zu, wer weiß, vielleicht hat der Herr die fraglichen Bilder ja auch im Rahmen einer Recherche zum Thema Anscheinpornographie gekauft. Aber allzu viel zur Seite soll ihm hier nun auch wieder nicht gesprungen werden, denn der Herr Edathy hat selbst auch keinerlei Skrupel, weiß selbst, wie man das Recht zum eigenen Nutzen beugt. In diesem Geschäft trifft es eigentlich nie den Falschen, das ist das Gute dran. Und die, die es nicht direkt trifft, die demaskieren sich in ihren Reaktionen und zeigen auch dem letzten Polit-Romantiker ihre wahren, hässlichen Fratzen.

Eher eine Tragödie als ein Thriller wird derzeit beim VfB Stuttgart gegeben, dem Meister von 2007. Denn während vier Bundesligisten im Champions League Achtelfinale spielen, kämpft der VfB gegen den Abstieg. Wobei „kämpfen“ das falsche Wort ist. Eine völlig verunsicherte Mannschaft taumelt von Klatsche zu Klatsche, geführt von einem phlegmatischen Trainer, einem überforderten Sportvorstand, einem unsichtbaren, nach unbestätigten Angaben aber stets lächelnden Präsidenten und einem auch mit dem schönen Hansi Müller allzu fußballkompetenzfreien Aufsichtsrat. Hinten dicht? Fehlanzeige! Fitness und Selbstvertrauen? Fehlanzeige! Philosophie, Strategie? Fehlanzeige! Aber anstatt die Notbremse zu ziehen, einen Trainer zu holen, der die Mannschaft kurzfristig kompakt macht, den Kader zu verkleinern, von den freiwerdenden Geldern einen erfahrenen Chefscout zu verpflichten, eine gestandene Persönlichkeit an Bord zu nehmen, die dem Club erstens eine echte Philosophie verordnet und zweitens diese auch nach außen lebt, dann ein Trainer- und physioteam zu verpflichten, das die Spieler besser macht statt schlechter, und mit dieser Strategie dann vielleicht in fünf Jahren mal wieder oben anzuklopfen, statt dessen wurschtelt der Verein weiter vor sich hin und hofft, irgendwie nicht abzusteigen. Aber das wird schiefgehen, denn der HSV hat nur drei Punkte Rückstand und mit Slomka neuen Schwung, und selbst Braunschweig hat Blut geleckt. Die Fans wenden sich ab, und die verbliebenen werden nach einer Niederlage am Samstag gegen Hertha richtig ungemütlich, Hamburger Verhältnisse und so. Wenn nicht Olympia wär, keine Ablenkung, das wäre richtig schlimm. So können wir wenigstens Sotschi schauen, im Ersten heut, im Zweiten morgen, beide mit Riesenteams und Apparaten vor Ort. Und uns fragen, was das kostet, und warum denn beide da hin müssen, und warum die das nicht so machen wie die Schweizer. Aber die Schweizer schon wieder, das geht gar nicht, denn über die wird ja nun weiß Gott schon mehr als genug geschrieben.

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