By the way 10 - die N24-Sportglosse

von Christian Prechtl (Nummer 10, 16. Oktober 2006)

Um Christoph Daum als Trainer zu beschäftigen bedarf es für einen deutschen Fußball-Bundesligisten zweier Grundvoraussetzungen: Erstens muss man sich den Mann leisten können, das heißt, man muss über das nötige Kleingeld verfügen, um den nicht eben bescheidenen finanziellen Vorstellungen des derzeit arbeitslosen Top-Coaches gerecht zu werden. Und zweitens muss man in der Lage sein, den Rummel auszuhalten, den Herr Daum mit sich bringt. Rummel von außen, weil die versammelte Medienwelt ganz genau hinschauen und auch noch die kleinste Begebenheit groß rausbringen und alles hinterfragen wird, stets mit der Kokainaffäre im Hinterkopf – Rummel aber auch von innen, weil Daum seine Konzepte im Verein konsequent und nicht eben nach jedermanns Wünschen durchziehen, dabei ständig anecken und polarisieren wird.

Neben diesen beiden Grundvoraussetzungen gibt es natürlich noch ein paar Nebenbedingungen, die ein Verein erfüllen muss. Als Trainer hat Daum große Erfolge gefeiert. Daher wird er nicht bei einem Club anheuern, der gar nicht weiß, wie „Internationales Geschäft“ geschrieben wird. Weiterhin muss ein gewisser Handlungsbedarf oder auch Leidensdruck bestehen, der sich hauptsächlich über das Verhältnis „Anspruch vs. Aktuelle Tabellenposition“ definiert. Und, nicht zu vergessen: Wer den Mann auf den Tod nicht ausstehen kann, der wird ihn logischerweise auch nicht verpflichten.

Letztere Bedingung macht eine Verpflichtung des einstigen Beinahe-Nationaltrainers durch den FC Bayern von vornherein unmöglich. Die Münchener haben allerdings auch nicht eben den allergrößten Handlungsbedarf.

Bei zwei Vereinen der Bundesliga kann man derzeit jedoch eine geradezu frappierende Daum-Wahrscheinlichkeit diagnostizieren: Da ist zum einen der Hamburger SV, der alle genannten Kriterien für die Verpflichtung mühelos erfüllt. Als Tabellenvorletzter mit Titelambitionen, finanziellen Reserven und Champions League-Präsenz hat der HSV darüber hinaus einen Klubchef, der zweifelsohne bereit wäre, auch polarisierende Entscheidungen zu treffen und den daraus resultierenden Rummel auszuhalten. Da kann Thomas Doll noch so erfolgreich und innovativ gewesen sein – wenn’s gar nicht mehr läuft, dann ist er der Mann, der gehen muss.

Der andere heiße Kandidat für die Daum-Rückholung ist Schalke 04. Hier ist zwar die aktuelle Tabellensituation nicht allzu dramatisch, aber die Ansprüche des Revierklubs sind, zudem nach dem Einstieg von Gazprom, derart ambitioniert, dass der nette Herr Slomka von den geldgebenden Verantwortlichen sicherlich als zu leichtgewichtig befunden wird für die Regelung der sportlichen Zukunft. Man muss kein Seher sein, um die baldige Ablösung Slomkas vorauszusagen. Gleiches gilt möglicherweise auch für Andreas Müller als Sportdirektor. Und Angst vor unpopulären Entscheidungen hatte man auf Schalke in der jüngeren Vergangenheit eigentlich auch nicht.

Insgesamt deuten also einige Indizien darauf hin, dass wir Christoph Daum schon bald wieder in der Bundesliga sehen werden. Ob er nun beim HSV oder auf Schalke landet, oder doch ganz woanders, zum Beispiel bei seinem ehemaligen Stuttgarter Weggefährten Dieter Hoeness in Berlin, das wird sich zeigen. Aber als Trainer wäre Daum allemal eine Bereicherung für die Liga – und die Pressekonferenzen und Interviews, in denen er uns aus seinen nach wie vor riesigen Augen anstarrt, haben zumindest einen hohen Unterhaltungswert.

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