By the way 289 – von Akademikern und einem Volkshochschüler, und vom doppelten Destructivus beim VfB...

Schon vor dem Spiel des VfB Stuttgart gegen Schalke war klar, dass die Lampen mir meinen Geburtstag am Tag drauf nicht würden versauen können. Denn die Reinfeierei mit Frau und Freunden war eine Vollgasveranstaltung – und mit derart hohem Tempo war im Neckarstadion keinesfalls zu rechnen. Vorab schon mental abgeschrieben, keinerlei Erwartung, keinerlei Desillusion. Dass ich bis ca zwei Stunden nach dem Spiel trotzdem schlechte Laune hatte, das hatte mehrere Gründe:

Da wäre zuvorderst mal die Aufstellung. Ob das eine Fehleinschätzung war, oder ob es gar reine Provokation war, weiß ich nicht. Letzteres mir angesichts der Misere noch die liebste Lösung. Trainer weiß, dass es keinen Plan B gibt. Trainer stellt genau deshalb so auf, dass es auf jeden Fall schief gehen muss. Nur um den alten Unsympathen eine reinzuwürgen. Denn dass es schief gehen würde, das war einfach nur klar und sonst nichts. Überhaupt kann ich mich den romantischen Danksagungsorgien an Hannes Wolf leider nicht anschließen. Mit dem Aufstieg die verdammte Pflicht erfüllt, die Mannschaft insgesamt keinen Deut weiterentwickelt. Und sympathisch. Mehr aber nicht.

Hannes Wolf wurde immer in einem Atemzug mit den Tuchels und Tedescos genannt, Laptoptrainer, Akademiker, jung, modern, sonstwas. Ganz ehrlich: Gegen die Akademiker Tuchel und Tedesco und Co kam Wolf immer ein wenig daher wie ein Volkshochschüler. Nicht, dass gegen Volkshochschule was zu sagen wäre... Als Ausführer der Pläne von Jan Schindelmeiser war er vielleicht auch ein guter Trainer. Aber um das wirklich zu erkennen, hätte man dem jungen Trainer seinen Mentor Schindelmeiser nicht wegnehmen dürfen. Hätte nicht den Plan mit den jungen Talenten um 180 Grad umkehren und plötzlich wieder voll auf Erfahrung setzen dürfen. Hätte dem orientierungsbedürftigen Trainer nicht einen angeblichen Superstar und Mega-Perlentaucher vorsetzen dürfen, der doch selbst immer einen hatte, der ihm klare Anweisungen erteilte, Vorgaben machte.

Reschke hatte Calmund, vielleicht auch Völler, hatte bei den Bayern Hoeneß und Rummenigge, hatte nie Verantwortung, wollte die auch gar nicht. Alle haben das erkannt, nur Wolfgang Dietrich hatte andere Pläne mit Michael Reschke. Womöglich hat er ihn gleich besser eingeschätzt als viele andere. Passen ja auch gut zusammen, die Beiden. Verbreiten gleichermaßen grüne Luft um sich herum, der doppelte Destructivus in „Streit um Asterix“, schlagen Sie’s mal nach. Entsprechend ist die Stimmung im Verein, auf der Geschäftsstelle usw. Kein gutes Klima für niemanden, und gleich dreimal nicht im Abstiegskampf. Und noch was: Der Trainer wird entlassen, und dann heißt es, der Torwarttrainer leitet das Training. Warum nicht Andreas Hinkel? Integer, erfahren, Trainer der zweiten Mannschaft. Da stinkt doch schon wieder etwas zum Himmel.

Dann war ja Fanaktionsspieltag am Samstag. Unsere Fans zwölf Minuten Ruhe, wie angekündigt, die Schalker dagegen volle Pulle. Ob sie sich der Aktion bewusst nicht angeschlossen haben oder einfach die Schwaben ärgern wollten? Aber die tolle Absprache und Organisation der VfB-Kurve, so lobenswert diese auch sein mag, hat mir trotzdem Wehmut bereitet. Warum haben sie sich nicht ähnlich gut organisiert, als Wolfgang Dietrich zur Wahl stand? Wo war diese tolle Organisation, als über die Ausgliederung abgestimmt wurde? Natürlich sind das bei weitem nicht alles Mitglieder. Aber etliche sind sicher dabei, selbst wenn sie nicht in Fanclubs aktiv sind. Und genau solche paar Hundert oder Tausend engagierte Leute haben gefehlt, um das Grundübel des VfB Stuttgart zu verhindern, das da heißt: Wolfgang Dietrich.

Und es ist ganz egal, ob der Präsident schon Montag Morgen beim Daimler zum Rapport antreten musste, ganz egal, dass der Daimler, der ihn ja immerhin installiert hat, ihn mittlerweile kritisch sehen mag und auch ganz egal, ob er seinen Sportvorstand demnächst feuert, nachdem er ihn erfolgreich als Sündenbock und Kanonenfutter vor sich positioniert hat. Der Mann hat bereits mehr als genug Schaden am VfB angerichtet. Genau den Schaden, der zu erwarten war. Der nicht nur hier gebetsmühlenartig vorhergesagt wurde. Das, liebe Leser, ist wirklich richtig scheiße, das macht richtig schlechte Laune. Das konnte ich während meiner Vollgasgeburtstagsfeier erfolgreich ausblenden – aber sobald Johnny Walker ging, kam Wolfgang Dietrich in einem Schwall grüner Luft wieder zurück.

Ich war nie ein großer Fan von Jan Schindelmeiser. Trage ihm fast schon persönlich nach, wie er die Mitglieder für Dietrich eingefangen hat, diesen ursächlich mit ermöglicht hat. Hoffentlich trägt er das sich selbst ebenfalls nach. Habe befürchtet, dass mit dem Kader zum Zeitpunkt seiner Entlassung in der Liga nix zu ernten wäre. Aber eines war auch mir damals klar: Zum ersten Mal seit langem gab es wenigstens so etwas wie eine Philosophie, einen Plan, den zu verfolgen Sportchef und Trainer glaubhaft verkörperten. Und dieser Plan war vom Tisch, als Reschke kam. Unvollendet, mitten in der Transferperiode.

Danach wieder Business as usual in Stuttgart. 180 Grad Wenden, große Klappe nix dahinter, phantasielos, unsexy, immer mit „Gschmäckle“. Höchstens dubiose Deals dahinter, zuletzt Ferber wieder groß im Rennen, die Berater wie Hyänen um das verendende Viech schleichend, der Geifer läuft ihnen aus den Mäulern, sie sehen und riechen das Geld. War übrigens fast noch nie das Problem beim VfB, das Geld. Nur einmal wohl – und dann kamen, notgedrungen, die jungen Wilden.

Man wollte lieber gar nicht wissen, was der Präsident jetzt plant. Nicht mal auszuschließen, dass er aus gekränkter Eitelkeit absichtlich verbrannte Erde hinterlassen will. Gekränkte Eitelkeit war ja nun auch der Grund für die Trennung von Jan Schindelmeiser. Oder will er bei erneutem Abstieg günstiger Anteile erwerben?

Derweil baut Baumgartl das Spiel auf wie einst Rüdiger, Umschalten findet nicht statt, und vorne tote Hose. Nochmal: Keinerlei sportliche Weiterentwicklung seit dem Abstieg, trotz sympathischem Trainer. Der Sportvorstand planlos, überfordert, unsympathisch – und oben drüber ein Präsident, dessen Pläne man sich noch so dunkel vorstellen mag. Am Ende sind sie wahrscheinlich immer noch dunkler. Da ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass niemand einst gegen Dietrich zur Wahl antreten konnte. Die wenigen, die wollten, wurden durch Paragrafengeplänkel und Vereinsmeierei verhindert. Viele andere wollten aber gar nicht. Wer sollte sich eine solche Schlammschlacht mit solchen Menschen auch antun wollen?

Tayfun Korkut ist aus meiner bescheidenen Warte übrigens nicht nur ein sehr netter Mensch sondern auch ein sehr guter Trainer. Dass er trotzdem kommt, obwohl er schon einmal ein skurriles Assessment beim VfB absolvieren musste, ist bemerkenswert und gruselig zugleich. Dass der VfB keinen Anderen kriegt, weil er keinen Anderen kennt, oder weil kein anderer will, dafür kann Korkut nichts. Dass er seinen langjährigen Co-Trainer Xaver Zembrod offenbar nicht mitbringt, ist schade. Dass er einen guten Draht zur Mannschaft entwickelt, ist zu hoffen, denn dann kann er durchaus erfolgreich sein. Da er aber bereits allzu häufig gescheitert ist, erwarte ich leider weniger als gar nichts. Zumal die Mannschaft nicht dafür berühmt ist, einen guten Draht zu ihrem Trainer zu entwickeln. Aber auch bei dieser Frage kommt man schnell zu der Einsicht, dass ein starker Sportchef hilft, den Trainer vor Gegenbewegungen aus der Mannschaft zu beschützen. In Stuttgart war das mit Ausnahme von Jan Schindelmeiser schon lange nicht mehr der Fall. Denn starke Sportchefs sind hier selten anzutreffen. Weil unsere Präsidenten entweder zu dumm oder zu schwach oder sonstwas waren. Und unser aktueller Präsident viel zu ... (hier bitte ein abwertendes Wie-Wort nach Wahl einsetzen) ist. Dass der Fisch vom Kopf her stinkt, das hatte ich mir bis hierhin erfolgreich verkneifen können. Hab es ja zum Thema VfB auch schon allzu häufig geschrieben in den letzten Jahren. Verzeihen Sie also, dass es mir jetzt ganz zum Schluss doch noch rausgerutscht ist. Aber es stinkt wirklich gewaltig. Schlecht werden könnte einem davon...

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